Spirituelles für den Weg

Tue etwas Gutes und lese!

Unsere Spendenbücher:
„Jakobsweg“, Highlights-Verlag, ISBN 978-3-933385-56-7
„Luther-Tour“, Highlights-Verlag, ISBN 978-3-933385-84-0.
Vgl.
http://www.evangelische-zeitung.de/nachrichten/top-thema/news-detail-top-thema/nachricht/mit-dem-motorrad-auf-luthers-spuren.html


EINE TEXTSAMMLUNG:

Psalm 23 für Biker:

Gott ist mein Begleiter
mir wird nichts mangeln.
Er zeigt mir seine schönsten Plätze der Welt
und führet mich zum Quell des Lebens.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.
Und ob ich auch rutschte im nassen Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Engel und Rat trösten mich.
Du bereitest mein tägliches Brot
im Einklang deiner Schöpfung.
Du schützest mein Haupt im Helm
und schenkest mir Geduld.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.


„Ein Klub, der sich Gemeinschaft nennt“
(Melodie gesungen nach EG 612)

  1. Ein Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fährt durch Natur und Zeit.
    Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes guter Geist.
    Der Biker fährt vom Sturz bedroht durch Angst, Not und Gefahr,
    Verzweiflung, Hoffnung, Glück und Spaß, so fährt er Jahr um Jahr.
    Und immer wieder fragt er sich: Werd’ ich es übersteh’n ?
    Komm ich an das geplante Ziel? Werd’ ich nicht überseh’n?
    Refrain:
    Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr,
    denn sonst sind wir allein auf der Fahrt im Verkehr. O bleibe bei uns, Herr!
  2. Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, liegt oft im Alltag fest,
    weil sich’s mit Arbeit und mit Stress nur überleben lässt.
    Man sonnt sich dann im alten Glanz vergangner Herrlichkeit
    und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.
    Doch wer bequem und sicher lebt, erfährt von Gott nicht viel.
    Nur wer den Aufbruch auf sich nimmt, erreicht das neue Ziel.
    Refrain
  3. Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, muss eine Mannschaft sein,
    sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
    Ein jeder fahre defensiv und nehme gern Rücksicht;
    wenn er dies Motto nicht erfüllt, gelingt das Ganze nicht.
    Und was die Menschen in dem Klub ganz fest zusammenschweißt
    in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.
    Refrain
  4. Im Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fragt man sich hin und her:
    Wie finden wir den sichren Weg zur Fahrt in dem Verkehr?
    Der rät wohl dies, der andere das, man redet lang und viel
    und kommt kurzsichtig, wie man ist, nur weiter weg vom Ziel.
    Doch der, der eine Pause macht, und etwas ruht und schweigt,
    bekommt von Gott dann ganz gewiss den rechten Weg gezeigt!
    Refrain.
  5. Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fährt durch Natur und Zeit.
    Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes guter Geist.
    Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
    Viel Freunde sind mit unterwegs, auf gleichen Weg gestellt.
    Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.
    So kommt der Klub nach langer Fahrt mit Gottes Segen heim!
    Refrain

Melodie: Martin Schneider 1968
Text: Holger Janke 2001


Glaubensbekenntnis für Biker:

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Ewigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
Gottes Sohn, unsern Freund,
beseelt durch den Heiligen Geist,
geboren von seiner Mutter Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
bestattet in einem Grab bei den Toten,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
über den Horizont gefahren;
er sitzt im Himmel Gottes;
von dort wird er kommen,
zu erlösen alles, was lebt oder starb.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die globale christliche Kirche,
Gemeinschaft der Geschöpfe,
Vergebung von Fehlern,
Auferstehung was tot war
und das ewige Leben.
Amen.

GEDANKEN ZUM NACHDENKEN:

Was bedeutet: 4 – 2 – 3?

Zuerst geht es auf allen Vieren, dann erhebt sich der Mensch und läuft auf zwei Beinen, um am Ende seines Lebens für diesen aufrechten Gang einen Gehstock zu gebrauchen, was auf der Lebensspur drei Abdrücke hinterlässt. 4 – 2 – 3.

Für das Leben des Motorradfahrers bedeutet dieses, dass Du zuerst im Automobil herum gefahren wirst, um dann als Erwachsener artgerecht auf dem Motorrad unterwegs zu sein. Am Ende sitzt Du sicher auf dem Gespann und genießt den stürmischen Wind um die Nase, die Vibrationen im Hintern und die erfrischende Freiheit des Lebens. Des Rätzels Lösung ist das LEBEN!

Messe-Besuch

Mit großer Freude pilgere ich auf Motorradmessen. Gerade am Anfang eines Jahres bietet sich diese Gelegenheit ausgiebig. Ich genieße das! Denn nirgends finde ich so fromme Menschen, nicht mal in meiner christlichen Kirche. Ist in der glühweingeschwängerten Adventszeit noch reger Gottesdienstbesuch und am Geschenkepapier raschelnden Heiligen Abend der volle Mega-Event, so wird es doch danach im kalten Winter ruhig im christlichen Abendland.
Nicht so auf den Messen! Während sonst die kirchlichen Angebote stets nur an einem Tag für eine Stunde angeboten und dafür am Stadtrand auf Hinweisschildern eher spärlich geworben wird, feiern wir fetzige Motorradmessen über mehrere Tage und zwar stundenlang. Auch wird umfangreich auf Plakaten dazu eingeladen. Das ist professionell, wirkt gut vorbereitet und lockt zum Besuch.
Und dann betritt man die heiligen Hallen und findet unzählige glänzende Exponate soweit das Auge reicht. Selbst auf Düfte muss ich nicht verzichten, denn überall qualmt es aus Auspuff- oder Frittenrohren. Alles hat sich hübsch gemacht für diese Messe. Es glänzen die himmlischen Ausstellungstücke. Die Messdiener sind meist jung, weiblich und verkörpern Gottes gute Schöpfung in Vollkommenheit. Das Besuchervolk hat sich für diesen Messeauftritt ebenfalls individuell gestylt und geizt nicht mit ausgesuchtem Körperschmuck und -geruch. Das kenne ich von der kirchlichen Sonntagsmesse schlichtweg anders.
Und wie fromm die Motorradfreunde sind! Sie stehen minutenlang still vor der angehimmelten glänzenden Skulptur. Einige knien sogar nieder. Andere legen sich sehnsüchtig vor das aufgebockte Zweirad und betrachten hingebungsvoll jedes noch so kleine Detail. Natürlich wird hier nicht dem bloßen Mammon gefrönt, sondern dem genialen Geist der Schrauberapostel wie Friedel Münch, Fritz Egli, Peter Sauer und der vielen anderen fleißigen Tüftler, die diese genialen Kunstwerken erschaffen. Das kann man nicht lernen. Das ist von Gott gegeben.
Die Motorradfreunde sind eine große Gemeinde. Bei genauerer Sicht unterscheiden sich allerdings die Glaubensrichtungen sehr. Die einen huldigen dem rasselnden V-Zwo, die anderen boxen sich durch das Leben. Es gibt lahme Böcke und heilige Kühe. Einige behaupten, Gott selbst führe Harley, wobei in der Bibel geschrieben steht, dass Gott mit Triumph gen Himmel fuhr. Selbst interreligiöse Einflüsse zeigen sich in dieser Biker-Gemeinschaft, denn indische Eintöpfe, japanische Stimmgabeln und chinesische Dreiräder sind ebenfalls vertreten. Da wirkt das Hammer-und-Sichel-Gespann aus dem orthodoxen Ural fast schon altbackend deutsch. Ich sage Dir, auf den Motorradmessen triffst Du Gott und die Welt.
Deshalb pilgere ich auf so viele Messen, wie ich kann. Ich bin ein frommer Mensch und genieße solch innige individuelle Anbetung und diese internationale Achtung der Schöpfung. Diese Messebesuche bringen mich gut über den Winter – bis zu dem Tag, an dem ich wieder vor meinem eigenen himmlischen Kultgegenstand stehe, den Motor anschmeiße, das Geläut genieße und langsam auf die Straße des wahren Lebens einbiege. Hurra, ich lebe – Gott sei Dank!

Fit auf die Kiste

Zur später Stunde kommen meine Frau und ich nach Hause und als wir das Auto in die Garage fahren, wird mein Motorrad, das dort am Ende vor der Mauer steht, beleuchtet. Ich freue mich, sie zu sehen! Mir wird plötzlich klar, dass der Winter im Schwinden ist und bald wieder die gemeinsame Zeit startet. Laut gedacht, sage ich, als ich sie – nur leicht mit einem Flaum von Staub garniert – nackt und unbedeckt betrachte: „Mäuschen! Ich glaube, du brauchst einen kleinen Frühlings-Check!“
Meine Frau hat sich über die Jahre in unserer Ehe daran gewöhnt, dass ich nicht nur sie allein mit einem Kosenamen anspreche, und sagt nichts. Warum Mäuschen Mäuschen ist, weiß ich nicht genau zu erklären. Vielleicht, weil eine 30 Jahre alte 750er für heutige Verhältnisse sehr zierlich wirkt? Vielleicht auch, weil ihre Armaturen in sämtlichen Tests damals als „Mäusekino“ beschrieben wurden. Kosenamen lassen sich so schwer rational erklären! Ob Hasi, Schatz, Schnuck oder Mausi; wer kann das ergründen? Wem das Herz voll ist, dem läuft der Mund halt über.
Als der neue Tag beginnt und meine Frau schon am frühen Morgen 45 Minuten Zeitvorsprung herausgefahren hat, weil ich zu lange in der Box lag, schleiche ich mich verspätet in die Duschkabine. Sie hat schon die Warmlaufphase hinter sich, ist frisch, motiviert und startklar. Bevor sie ins Rennen geht, schaut sie noch schnell für einen Abschiedsgruß ins Badezimmer und sagt, als sie mich so nackt und unbedeckt betrachtet: „Mäuschen! Ich glaube, du brauchst einen kleinen Frühlings-Check!“
Der Satz geht mir nach! Nach vielen Jahren in einer Partnerschaft weiß ich, solche liebevollen Botschaften zu schätzen. Ich betrachte mich also nach dem Duschen und muss mir ehrlich eingestehen, dass auch an mir die letzten 30 Jahre nicht so ganz spurlos vorüber gegangen sind. So bei Lichte betrachtet, ohne Verkleidung, könnte man auf die Idee kommen, mal einen Service ins Auge fassen zu müssen.
Noch bevor ich ins Tagesrennen starte, rufe ich in der Praxis an, um einen Termin zu vereinbaren. „Sie waren auch schon lange nicht mehr bei mir!“, höre ich die Stimme meines Doc, „Da machen wir wieder, wie vor acht Jahren, eine kleine Hafenrundfahrt und ein großes Blutbild.“ Ich mag humorigen Mediziner, die die Dinge so liebevoll umschreiben können. „Kleine Hafenrundfahrt und großes Blutbild“ hören sich so unverfänglich an wie ein umfangreicher Werkstatttest, der umschrieben würde als „kleine Bremsprüfung und großer Inspektion“.
Nach überstandenen Testlauf, erfahre ich die Auswertung samt Einschätzung der Plazierungschancen. „Für ihr Alter sieht das alles sehr gut aus!“, resümiert der Doc fast seelsorgerlich. Wie ich diese Formulierung inzwischen hasse, weil ich sie überall nach jedem Test höre: Für ihr Alter! Dass ich kein Neufahrzeug mehr bin, weiß ich, aber muss man denn einen gut gepflegtenYoungtimer gleich zum Oldtimer stempeln? Der Arzt erklärt mir, dass ich auf eine gute Ernährung und ausreichend Bewegung achten sollte. „Essen Sie viel Obst und Gemüse! Treiben Sie regelmäßig Sport!“, sind seine Tipps. Zum Abschluss schreibt er mir eine Buchempfehlung auf einen Zettel und verabschiedet sich freundlich: „Dann bis in acht Jahren!“ Dieser Satz in dieser Situation hätte auch von meiner Frau kommen können.
Als ich zu Hause den Zettel lese, steht dort der Buchtitel „Fit in die Kiste“. Ich bin schockiert. Ist das noch Humor? Ich bin sauer, aber meine Frau beruhigt mich. Ein paar Tage später finde ich ein Buch liebevoll verpackt auf dem Küchentisch. Meine Frau ist schon wieder früher in den Tag gestartet, weil ich – wieder – in der Box festhing, und hat auf einen Zettel geschrieben: „Schrauberhandbuch für einen lieben Menschen“. Ich packe es neugierig aus und lache herzhaft. Meine Frau hat den Buchtitel geändert! Mit einem Edding war das „in“ durchgestrichen und dafür ein „auf“ drübergeschrieben: „Fit auf die Kiste“, lese ich nun – und danach noch das ganze Buch.

Ostergeschichte für Biker

Eine schwangere Bikerin erwartete Zwillinge und träumte in der Osternacht folgendes Benzingespäch:
Die noch nicht geborenen Zwillinge führten einen Dialog über ihre Zukunft. „Glaubst du an einem Leben nach der Geburt?“ fragte der eine verunsichert. „Klar“, sagte der andere, „Hier in der Finsternis ist es zwar warm, und wir haben zu essen, aber das eigentliche Leben kommt nach der Geburt.“ Der Bruder blieb unruhig: „Ein Leben nach der Geburt ist doch lächerlich. Wie soll das gehen?“ Daraufhin sein Geschwisterchen: „Ich glaube, es wird ganz hell und du kannst mit deinen Augen wundervolle Dinge sehen. Unvorstellbares wirst du bestaunen. Ja, du kannst sogar herumlaufen, frische Luft atmen und selbst Essen zu dir nehmen.“ Bei diesem Satz unterbrach der Zweifler: „Ich will gar nicht selbst essen! Warum hat Gott uns wohl diese Nabelschnur gegeben? Außerdem; wie weit willst du denn laufen mit deiner Nabelschnur? Das ist doch Blödsinn!“ Das Brüderchen beruhigte den anderen: „Nun mal ruhig Blut! Die Geburt kommt bald. Dann brauchst du Nabel und Schnur nicht mehr. Dann wirst du sogar deine Mutter sehen!“ Nun ist der verzagte Bruder aber völlig in Wallung. „Ich will meine Mutter gar nicht sehen. Ich glaube gar nicht an eine Mutter! Wo soll denn bitte schön meine Mutter sein?“ Ohne zu lachen, behauptete sein Zwillingsbruder: „Du hast eine Mutter, ob du es glaubst oder nicht. Ohne sie könnten wir gar nicht leben. Sie umgibt uns und schützt uns!“ Nun dachte der Ängstliche an einen Aprilscherz. „Erzähl´ keinen Mist! Du mit deiner Mutter. Das ist doch lächerlich. Wo ist sie denn? Warum lässt sie uns hier allein im Dunkeln? Ich glaube nur, was ich sehe!“ Der hoffnungsvolle Bruder antwortete sachlich: „Auch wenn deine Augen jetzt noch nichts erkennen, aber du wirst sehen! Glauben kannst du allerdings schon heute, dass dein Leben nach der Geburt weiter geht, denn wenn es ganz still ist, hörst du manchmal ihren Gesang oder du spürst ihre warmen Hände ganz in deiner Nähe. Es ist als ob unsere Mutter mit uns lebt. Ich fühle ihre Liebe!“ Plötzlich setzten starke Wehen ein und Licht scheint in die Finsternis. „Ich will nicht raus.“, schrie der eine panisch, „Ich habe Angst. Fürchtest du nicht den Tod?“ Der andere freute sich riesig: „Nein, ich will Mutter sehen. Komm, ich gehe voran!“
Nachdem die Bikerin die Zwillinge gesund zur Welt gebracht hatte, taufte sie den einen auf den Namen Thomas und den anderen nannte sie Jesus.

Meine Alte

Ich weiß auch nicht genau warum, aber plötzlich stand ich in diesem exklusiven Etablissement. Zugegebenermaßen war es mir nicht verborgen geblieben, dass es soetwas gibt. Immerhin bin ich ein moderner Mensch. Ich wußte schon, dass es hier an Ort und Stelle diese Angebote gibt. Mehrmals war ich hier schon vorbeigefahren, hatte wahrgenommen, wieviel hier tagtäglich los ist. Stets war der hauseigene Parkplatz gut besucht. Aber ich fuhr eben nur vorbei, registrierte – mehr unterbewußt – diesen Laden und hielt nicht an. Jetzt stand ich also mittendrin und auch mein Fahrzeug draußen vor der Tür. Ein komisches Gefühl. Irgendwie eine Mischung aus peinlich und schön, verrückt und angenehm.
Unsicher ließ ich meine Blicke schweifen und hoffte, dass man mir meine Unsicherheit nicht anmerkte. Ich kam mir vor wie in meiner Jugend. Überall standen aufreizend diese jungen Dinger und zogen meinen Blick förmlich an. Plötzlich krachte es, weil ich gegen eine große Palme lief, deren Topf das Foyer dekorierte und nun von mir angerempelt wurde. „Guckst du blöd, fährst du blöd!“ dachte ich mit plötzlicher Errötung des erhitzten Kopfes, der aber schnell wieder abschwoll, weil niemand Notiz von meinem Auffahrunfall nahm. Der Betrieb lief still, aber achtsam weiter und wirkte allein dadurch schon sehr professionell.
Nun schlenderte ich durch das Haus und versuchte ebenfalls professionell zu sein. Tatsächlich konnte ich auch weitere Unfälle verhindern, aber meine Blicke wußten gar nicht wohin, denn überall entdeckte ich aufgemotzte Schönheiten. Welche ein Taille? Dann dieses runde Heck! Völlig aus der Fassung kickten mich diese frei zur Schau gestellten runden Tüten. Auch ohne häusliche Karambolage pulsierte mein Blut Anbetracht der Freizügigkeit dieser Jungfräulichkeiten. Das läßt keinen Mann unberührt, egal welchen Alters. Plötzlich fühlte ich mich wieder jung und stark, merkte nichts von Magenbeschwerden oder Gliederschmerz, die sich sonst zum Alltag gesellten. Ein schöner Augenblick. Dann hörte ich eine bassige, sonore Stimme: Wir nehmen auch ihr Alte!
Mich durchfuhr ein Blitz. Ich fühlte mich einerseits in meinen Jugendgefühlen ertappt, anderseits überschlugen sich meine Gedanken bei dem Hinweis, dass zu Hause meine Alte wartete. Fragen über Fragen türmten sich auf. Woher weiß dieser gegelte Herr hier im Geschäft, dass ich liiert bin? Wie kommt er darauf, dass ich meine Alte loswerden möchte? Bin ich noch normal? Werde ich jetzt alt? Verliere ich garade meine Bodenhaftung? Verzocke ich gerade Haus, Hof und Ruf? Ich stand regungslos stumm da, aber in mir rasten die Gedanken und Gefühle mit dem Versuch, neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Ich wußte gar nicht, wie mir geschah.
Meine Alte. Das gute Stück. Die treue Seele. Ewige Treue habe ich ihr damals geschworen. Mann, war ich verliebt! Was haben wir nicht alles miteinander erlebt. Die Jahre vergingen und die gemeinsame Strecke führte uns über Berg und Tal durch Sturm und Hitze. Das kann uns keiner mehr nehmen – und das wiederholt sich auch nie wieder. Zugegeben mit den Jahren hat sie sich verändert. Hat Patina angesetzt. Wir harmonieren aber immer noch gut und sind ein super eingespieltes Team.
Als ich nun aus dem Laden schlich und wieder im Auto saß, dachte ich: Was hast Du gemacht? Ich hielt einen Kaufvertrag in meiner Hand! Zur Ablenkung wiederholte ich mantramäßig die Worte des Verkäufers: Der Trend geht klar zum Zweitmotorrad. So fuhr ich heim. Zu Hause angekommen, dauert es nicht lange und ich gestand meiner Liebsten, was geschehen ist. Meine Frau blieb ganz ruhig und sagte nur: Lieber zwei Motorräder und eine Frau als umgekehrt. Habe ich nicht eine weise Frau? Ich liebe sie!

Oktopussy

Es ist Sommer. Ich fahre mit meinem Motorrad an eine rote Ampel. Atmosphäre wie beim Grand Prix von Monaco. Startgerangel inmitten der Stadt. Ich artgerecht auf der linken Spur, das dicke Auto neben mir auf der rechten. Die Bahn vor uns ist frei. Nur das Rotlichtmilieu hemmt uns! Aus dem offnen Fenster ascht der Autopilot seine brennende Zigarette ab. Ich bin erinnert an den legendären Barry Sheene, der auch stets am Start, unmittelbar vor dem Rennen, eine Zigarette rauchte. Sein Integralhelm hatte deswegen ein Loch unter dem Visier. Die Last-Minute-Kippe: sein Markenzeichen! Ich rauche nicht und lebe noch. Das ist der Unterschied. Ansonsten fühle ich mich wie Barry. Gerne würde auch ich so genial und locker das Zweirad beherrschen.

Der Autofahrer lächelt mir freundlich zu. Beugt sich leicht vor und fummelt am Cockpit. Musik ertönt. Sie ist so laut, dass sie locker meinen Auspuff übertönt. Ich schätze knapp 100 Phon. Schmerzgrenze! Dann hebt er noch einen coffee to go in meine Richtung und prostet mir zu. Der Typ ist wirklich locker drauf. Nun bin ich auf sein Startverhalten gespannt? Eigentlich bemitleide ich ihn! Es lacht wunderbare Sommerfrische: warm, aber nicht heiß. Ideale Rennbedingungen und er sitzt in seiner Blechdose. Nur ein kleines offenes Fenster. Keine Spur vom echten Fahrtwind. Das ist doch keine artgerechte Haltung! Ich frage mich, wie kann Gott das zulassen? Außerdem hat er nur zwei Arme, könnte aber acht gebrauchen. „Oktopussy!“ ruf ich ihm ebenfalls freundlich lächelnd zu, aber er versteht nichts.

Warum hat der liebe Gott uns Menschen nicht acht Arme geschenkt? Ohne Probleme könnten wir dann sicher am Verkehr teilnehmen, weil wir stets zwei Hände am Lenkrad hielten. Dazu noch eine Hand für die Zigarette und die andere für den Kaffeebecher. Weiteres Handgemenge im Auto wäre ohne Sicherheitseinbußen möglich, wie zum Beispiel Musikwahl im Radio oder die Neuauswahl der CD. Selbst für die Beifahrerin hätte man noch eine Hand frei und könnte Ihr – ganz Kavalier – beim Suchen behilflich sein und die Handtasche halten. Auch die Wünsche der Kleinen von der Rückbank könnte ein guter Vater sofort erfüllen. Bei alledem wäre immer noch eine Hand frei, um den Aschenbecher in der Konsole zu öffnen, damit ein Mann des 21. Jahrhunderts nicht primitiv die Zigarette aus dem Fenster aschen muss. Ja, Oktopussy müsste man sein!

Die Vorstellung von acht Armen gefällt mir. Auch an den modernen Motorrädern mit einstellbaren teilintegralem (Kurven-)ABS, elektonischen ESA-Fahrwerk, Radio und Griffheizung ist man mit zwei Händen völlig unterversorgt. Aber selbst beim Klassiker auf zwei Rädern scheinen zwei Hände oft nicht genug. Allein die Tatsache, dass ich als Oktopussy nicht mehr mit einer Hand Gasgeben und Bremsen müsste, sondern getrennt voneinander, beides feinfühlig händeln könnte. Auch beim Enduro könnte ich beherzter durch´s Gelände flügen, da zwei Hände stets die Lenkstange gut im Griff hätten. Und sollte mir der Schalthebel wieder einmal die Bolzerei in der Natur krumm nehmen, wäre ohne Probleme gleich eine Hand frei, um die Sache wieder geradezubiegen. Dazu könnte ich mir glatt noch – voll in Fahrt – ein Getränk meiner Wahl mit einer Hand aus dem Rucksack holen. Lieber Gott, ich frage mich: Warum nur zwei Arme?

Lautes Hupen lässt meinen Traum platzen. Neben mir quietschen und qualmen die Reifen. Gerade erwacht, versucht meine aufgescheuchte rudimentäre leibliche Beschaffenheit den Bock zu beschleunigen. Oktopussy fährt vor mir und ist nicht mehr einzuholen. Er schafft die „gelbe Phase“ der nächsten Ampel und gerät außer Sichtweite. Bestimmt genießt er jetzt siegreich einen coffee to race. Ich stehe wieder im Rotlichtmilieu der Stadt, und nur meine Gedanken haben freien Lauf. Warum ist der Mensch, wie er ist? Plötzlich überfällt mich das alte Psalmwort: „Du verstehst mein Gedanken von ferne“ und ich habe das Gefühl einer Götterdämmerung; Gott sieht mich und ruft mir zu: Pass auf, Oktopussy, und versau´ den Start nicht wieder! Dann springt die Ampel um, und ich starte beherzt in die Sommerfrische. Perfekt! Ich lache und rufe laut unter meinem Helm: Platz da, hier kommt Barry Oktopussy Sheene!


Rückblick und Weitblick

„Schöne Bescherung!“, denke ich. Vor einer Woche lag ich noch am heißen Strand der Adria und ließ mir die italienische Sonne unter die norddeutsche Haut gehen und jetzt fängt es an zu schneien. Geht´s noch? Spätsommerurlaubswochen mit dem Motorrad südlich der Alpen klingen immer verführerisch – und waren es auch. Mal richtig „Leinen los“ und die Seele baumeln lassen. Nur das tun, was spontan in den Sinn kommt. Essen, Baden, Biken. Das Leben kann so schön (einfach) sein!
Als Krönung fahren ich mit meinem „motocicletta“ nicht über die Autobahn und durch irgendwelche dunkeln, feuchten oder stickigen Tunnel gen Norden, sondern auf kleinen Straßen; Serpentinen auf und ab. Wozu hat der liebe Gott diese wunderbaren Berge geschaffen? Doch nicht, dass ich unten durch krieche! Außerdem braucht ein Nordlicht Luft, Wind und Weitsicht. Also kraxel ich mit dem Zweirad auf die Höhen, die sich vor mir auftun. Welch eine Ästhetik der Schöpfung. Welch ein Abenteuer für die Benzin verseuchten Kurvengene. Bellisimo.
Mein Töff, wie die Schweizer das Kraftrad nennen, schraubt sich Windung um Windung höher. Es wird kühler und kühler. Oben ist es dann kalt! Zuerst fühlte ich im Tal einen Hauch von Fön. Selbst die Sommermontur, die ich am Leibe trage, war mir zu warm. Im Sommerhandschuh schwitzten die Gliedmaßen, die Kupplung, Bremse und Gas regulieren. Dann fing es an, leicht zu regnen. Welch eine Erfrischung! Die Gedanken kreisen: Soll ich mich jetzt regenfest anziehen oder jage ich weiter auf die kargen Höhen hinauf? Bevor ich mich entscheiden konnte anzuhalten, geht der Regen in Schnee über. Schöne Bescherung! Fahren kann ich flott. Die Entscheidungen über meinen „dress code“ sind allerdings eindeutig zu langsam. Als ich im Gasthof oben auf dem Pass sitze, lege ich mich erst einmal trocken, genieße heißen Kaffee und eine hitzige Suppe. Langsam wird mir wieder warm und ich komme ins Grübeln. Warum habe ich keine dicken Handschuhe mit? Wieso fahre ich eigentlich Motorrad? Was mache ich eigentlich hier oben? Bin ich noch zu retten? Warum bin ich kein Italiener geworden? Bevor der liebe Gott mir eine Antwort schenkt, kommt die Rechnung.
„Die Zeit läuft und im Herbst wird es schneller dunkel als gedacht.“, erinnere ich mich. Die nette Kellnerin scheint meine mentale Krise zu erahnen und erzählt mir, dass oft im Tal Fön ist, wenn sich hier oben der Schnee rumtreibt. Auch wenn das wahrscheinlich nicht ganz wahr ist, sind diese Worte eine kluge pädagogische Taktik für verzweifelte Flachlandbiker in den Bergen und mir eine Motivation. Ich ziehe tatkräftig meine gesamten Sommersachen an, knöpfe mich zu und sattel wieder auf. Meinem Motorrad scheint die kühle Lage egal, sondern springt gleich fröhlich an und rollt über leicht verschneiter, regennasser alpiner Passstraße bergab.
„Von nun ab geht es bergab!“, drängt sich ein Gedanke auf. Das war der Höhepunkt der Reise. Überhaupt ist die Saison vorbei. Was soll noch kommen, wenn ich wieder zu Hause bin? Natürlich hoffe ich auf einen „indian summer“ mit schönen Stunden auf dem Krad, aber mehr als ein Ausflug zwischen 10.00 und 16.00 Uhr ist im Herbst doch im hohen Norden nicht drin. Die anderen Stunden des Tages sind dunkel, nass und kalt. Wie im Tunnel. Da zieht es mich -ehrlich gesagt- mehr an den warmen Ofen, der so schön heimelig im Hause daherknistert. Die meisten Kradkollegen fahren doch maximal bis November. Überall sehe ich Saisonkennzeichen, denn auch das Material leidet unter dem Winter mit Frost, Eis und Streusalz. Mein Wintergespann fahre ich, wenn´s geht, nur noch auf verschneiter oder abgetrockneter Straße.
„War das auch dein `goldener Herbst´?“, fragt mich ein sehr persönlicher Gedanke aufdringlich. „Wie lange willst du noch Motorrad fahren?“ Stunde der Wahrheit: nur ich, mein Motorrad, die Berge und diese Frage! Das Material scheint haltbarer als ich. Wie viele Jahre schaffe ich wohl noch, die Beine über die Bank zu schieben? Wie lange habe ich noch Kraft und Lust, mich Wind und Wetter auszusetzen, um mit offnem Visier auf große Fahrt zu gehen? Wann geht es mit mir bergab und auf die Zielgrade? Ich muss zugeben, dass die besten Zeiten gefahren sind. Wann ist es genug? Herbstliche Gedanken, die zum Fallen der bunten Blätter passen. Bunt sind die vielen Erinnerungen an die beeindruckenden Stunden mit dem knatternden Zweirad. Rauh und faltig ist die Haut geworden. Viel Zeit bleibt nicht. Es wird schneller dunkel im Herbst. Also nicht lange in Erinnerungen schwelgen, sondern rein in die Klamotten und ab auf den Bock. Bekanntlich spielt vorne die Musik!
Plötzlich ist kein Schnee mehr und der Regen hört auch auf. Es wird wieder warm. So wie vorausgesagt. Ich fahre begeistert nach Hause und bin voller guter Dinge. Was für ein Leben! Ich bin begeistert und hoffe, dass noch einige Zeit bleibt für ein paar schöne Fahrten. Das Motorrad ist nicht für die Garage gebaut und ich scheine auch nicht für das heimelige Sofa konstruiert. Ich werde die kalte Jahreszeit nutzen, schöne Touren für die neue Saison zu planen. Die schönen Erinnerungen motivieren zum Weitblick. Der ist wichtig beim Fahren und im Leben.

P.S. Apropos Weitblick! Bald weihnachtet es. Schon alles vorbereitet? Schöne Bescherung.

 

Wintermärchen

„Dieses Jahr kommt kein Weihnachtsmann.“, sagte mir mein Vater mit ernster Miene im Advent. „Der Weihnachtsmann ist tot.“ Ich war fassungslos, tief berührt und stinkesauer! Wie konnte mein Vater das behaupten? Ich weinte. Das Leben kann so hart sein. Als kleiner Bub konnte und wollte ich den Tod des Weihnachtsmannes nicht akzeptieren: Er war mein Freund! Wie viele Jahre trafen wir uns schon? Immer kam er gut gelaut mit seinem roten Anzug. Echt cool! „Ho, ho, ho“, fragte er dann mit sonorer Stimme, „Warst du denn auch lieb?“ Nach kurzem kritischen Rückblick und in Abwägung meiner selbst nicht zu verantworteten Kindheit konnte ich stets mit einem selbstbewußten „Ja“ antworten. Meist hat das nicht gereicht, sondern ich mußte noch irgendwelche Darbietungen auffahren und so zitierte ich Gedichte, sang Lieder und hatte immer die Haare schön. Das war der Familie sehr wichtig. Damit waren die Kriterien erfüllt und es gab die heiß ersehnten Geschenke.

Der Weihnachtsmann ist tot! Diese Aussage meines Vaters fuhr mir durch mein junges Mark und Bein. Das konnte nicht sein! Also ging ich zum Lehrer meines Vertrauens, um mit ihm diese Behauptung zu besprechen. Mein Physiklehrer konnte mir stets die Welt erklären, war immer sachlich und von bestechender Gelassenheit. Wir Kinder konnten ihn alles fragen. Und nicht nur ich allein hatte Tausende von Fragen.

Der Physiklehrer fragte noch einmal genau nach, wie der Weihnachtsmann ausgesehen hat, und ich beschrieb meinen alten Freund als aktiven Senioren mit weißem Bart, rotem Anzug, der mich ein wenig an einen Bademantel erinnerte, und schweren Stiefeln, wie sie Opa trug, wenn er Motorrad fuhr. Allerdings trug er keinen Helm, sondern nur eine Mütze. Auch so eine coole Brille wie mein Opa hatte der Weihnachtsmann nicht, sondern eher ähnelte er dem Physiklehrer mit seiner kleine Brille, die stets auf der Nase hoch und runter geschoben wurde, je nachdem ob gerade ein Buch gelesen oder in die Menschenmenge geschaut wurde. Nach kurzer Überlegung erklärte mir mein Vertrauenslehrer, dass dieser rote Bademantel wahrlich kein Schutzanzug sei und dass der Weihnachtsmann für einen ganzen Tag im Winter auf dem offenen Schlitten sehr dünn angezogen war. Das leuchtete mir ein, denn auch mir froren schon die Füße nach kurzem Marsch zur Schule, obwohl ich dicke Socken trug. Von den kalten Händen will ich gar nicht berichten – gerade nach irgendwelchen Schneeballschlachten auf dem Schulweg. „Der Weihnachtmann war also definitiv zu dünn angezogen und dem Tode durch Erfrieren ausgesetzt.“, dachte ich! Aber dann erzählte der Physiklehrer meines Vertrauens von der irren Geschwindigkeit, die der Weihnachtsmann drauf gehabt haben muss, denn in 24 Stunden durch die Welt zu fliegen, um alle Kinder zu beschenken (und meist kamen ja noch viele Erwachsene dazu), verursachte eine ungemeine Hitze. „Der große Schlitten, die vielen Geschenke, die Rentiere und der doch stattliche Weihnachtsmann sind nach physikalischen Berechnungen durch erhöhte Lichtgeschwindigkeit verglüht. Ein Fixstern am Weihnachtshimmel.“ resümierte er. Ich war beeindruckt, tief berührt und geschockt! Wie konnte mein Lehrer das alles wissen? Ich weinte.

Der Weihnachtmann war tatsächlich tot. Er kam nicht mehr! Obwohl ich gewaschen und gekämmt vor dem Weihnachtsbaum stand, um aus dem Stand Lieder und Gedichte zu präsentieren, blieb ein weiterer Besuch dieser Kultperson aus. Seitdem ist irgendwie meine Kindheit zu Ende. Aber die Frage blieb: „Ist der Weihnachtsmann erforen oder verglüht?“ Tatsache ist, er kommt nicht mehr. Seitdem feiere ich zu Weihnachten lieber das Christfest. Den Tipp habe ich von der netten feschen Religionslehrerin, die ebenfalls mein Vertrauen gewonnen hatte. Sie sagte: „Jesus hat gelebt, ist gestorben und wieder lebendig geworden. Er lebt in unseren Herzen.“ Ich war beeindruckt, erstaunt und fasziniert! Wie konnte meine Lehrerin das wissen? Ich weinte vor Glück, denn Weihnachten war gerettet – auch Lieder und Gedichte brauchte ich nicht mehr der Familie vortragen. Selbst die Haare müssen für Jesus nicht gekämmt sein.

 

Guckst du blöd, fährst du blöd!

Nach zweifelhaften Erlebnissen im Gelände fragte ich meinen Trainer Bert von Zitzewitz, was die wichtigste Regel beim Motorradfahren im Gelände ist? Meine Frage war noch nicht ganz gestellt, da stiefelte sein Sohn Davide mit dreckigen Crossschuhen in das Büro des Vaters, hörte meine Frage und gab gleich spontan die Antwort: „Guckst du blöd, fährst du blöd!“. Die Jugend bringt es auf den Punkt, dachte ich. Bert lächelte nur, vergaß allerdings nicht, seinen jungen Spund darauf hinzuweisen, dass es in seinem Büro wie in der Werkstatt sei; schmutzige Stiefeln hätten in beiden Räumen nichts zu suchen! Heute ist der Junge ein erwachsener Kerl, die Stiefel stehen draußen vor der Tür und Davide ist Deutscher Meister.

Beim Sicherheitstraining sollten die Teilnehmer eine Gefahrbremsung einleiten und die Anspannung war ihnen anzumerken. Gerade Fahrer ohne ABS-Unterstützung bekamen feuchte Hände bei der Vorstellung, voll in die Eisen zu gehen. „Wichtig ist, du behältst den Kopf oben und blickst weiterhin nach vorne“, hörte ich den Fahrtrainer sagen: „Guckst du blöd, fährst du blöd – gilt auch beim Bremsen!“ Selbst beim blockierenden Vorderrad rettet der richtige Blick und natürlich das ganz kurze Lösen der Bremse. Die Maschine stoppt, der Schweiß trocknet und die Erkenntnis reift: die richtige Blickführung ist das 1. Gebot des Fahrens.

Nun will ich es aber genau wissen, klebe mir einen Aufkleber mit dem Spruch auf meinen Tank und fahre mein Renn-Gespann auf die Nordschleife. 250 Teilnehmer mit Solo-Motorrädern betrachten mein Dreirad kritisch. „Fahre bitte rechts ran und steh‘ nicht im Weg, wenn wir von hinten kommen“, fordern mich einige junge Talente auf. Kein Respekt vor dem Alter, denke ich, konzentriere mich aber schnell wieder auf die (mentale) Vorbereitung. Nach einem langen Tag in der Grünen Hölle schleichen einige der Racekücken am späten Nachmittag an meiner S1000RR vorbei und lächeln, weil sie meinen aufgeklebten Hinweis „Guckst du blöd, fährst du blöd!“ lesen. Keiner von ihnen hat mich überholen können. Nun wissen sie, dass das 1. Gebot des Motorradfahrens auch für den Gespannbetrieb gilt. Respektvoll tauschen wir unsere Erfahrungen aus.

Letztendlich sind es Lebenserfahrungen, denn oft verhagelt die falsche Blickrichtung auch den Lebensweg. Wer kam nicht schon einmal vom rechten Weg ab und musste das Ziel in weiter Ferne anpeilen, um wieder in die Spur zu kommen. Wohl dem, der schon in früher Kindheit gelernt hat, seine Linie zu halten und nicht mit dreckigen Schuhen ins Haus zu laufen. Auch wenn er nicht Deutscher Meister geworden ist.

 

Danke, Herr Kaiser!

Herbsttour. Indian summer. Blätterbuntes Deutschland. Mein Kopfkino läuft in farbenfrohen Bildern ab und entführt mich auf eine wunderbare Motorradtour nach Bayern. Dabei halte ich nur eine Einladung nach Niederalteich in Händen. Das nennt man wohl Sehnsucht. Ich sage zu und freue mich auf die Tagung der Bikerseelsorge, zu der viele engagierte Kolleginnen und Kollegen kommen. Treffpunkt ist das Kloster Niederalteich nahe Passau. Da ich reisen statt rasen möchte, wähle ich die KTM 690 Enduro mit TKC 80 Stolle. Sag dem Herbstlaub, dass ich komme!

Es ist Oktober. Ich starte im Regenkombi, da das norddeutsche Wetter nicht meinen Vorstellungen von Indian summer entspricht. „No path, no glory.“, denke ich und fahre dem Zeitpunkt entgegen, an dem das Wetter besser werden soll. Am späten Nachmittag bin ich in Süd-Hessen, um einen Freund zu besuchen. Allerdings wird an diesem Tag meine Hoffnung nicht erfüllt, denn der Regenkombi bleibt meine Tagesbegleitung. Da auch am kommenden Tag mich Mitteldeutschland eher norddeutsch kühl und nass begrüßt, schlüpfe ich wieder in den Regenanzug, was mir schon richtig routiniert gelingt. Übung macht den Meister. Ich bin schon ein echter Regenkombiprofi.

Jetzt will ich es wissen und starte durch. Autobahn. Mit Stolle ist 130 km/h erlaubt. Der kleine Tankrucksack und die Gepäckrolle beunruhigen das Fahrzeug bei dieser Geschwindigkeit nicht. Der Tag ist lang, denn alle 200 km muss ich tanken. Aber immerhin wird es wärmer. Leider bleibt es feucht. Immer wieder Schauer. So komme ich etwas zerzaust mit hübscher Helmfrisur im Kloster an. Typisch Biker. Der Mönch im Gästehaus nimmt es gelassen und empfiehlt mir fürsorglich eine heiße Dusche und den gemütlichen Klosterkeller. Ein gute Empfehlung, wie sich an diesem Abend herausstellt.

Die Tagung ist interessant und die Kolleginnen und Kollegen engagiert. Sie haben allesamt Benzin im Blut und Gott im Herzen. Und es ist trocken, warm und manchmal sogar so sonnig, dass der Biergarten des Klosters Leute lockt, im Freien zu sitzen. So habe ich mir das hier vorgestellt. Interessant ist, dass neben dem katholischen Ritus hier auch der orthodoxe praktiziert wird, bei dem ich mich sofort nach Griechenland versetzt fühle. Im Kopfkino sehe ich das blaue Meer, rieche die wunderbare Natur und bekomme Geschmack auf Ouzo. Kurzurlaub für drei Tage.

Tagsdrauf muss ich wieder gen Norden. Ich verlasse diese Oase, die Donau und die Weinberge. Zum schweren Abschied fängt es noch leicht an zu tröpfeln. Die Franken wollen mir noch ihre Heimat zeigen, die ich nicht Bayern nennen darf. Wir fahren über schöne Straßen durch eine schöne Region und am Nachmittag verabschieden wir uns nach einer Pause. Da es im Norden arg dunkel daherkommt, streife ich den Regenkombi über und setzte auf die Autobahn Richtung Hof. In Thüringen geht dann die Welt unter. Bei Schleiz fahre ich mit den anderen auf der dreispurigen Autobahn 50 km/h. Die kommende Tankstelle wirkt wie ein Oase. Ich tanke, wärme mich auf und frage mich, wohin heute die Reise noch gehen soll, denn es wird dunkel. Bis Halle oder Magdeburg sollte die Kraft noch reichen.

Es ist dunkel, kühl und regnerisch. Super. Da helfen nur warme Gedanken, und ich erfreue mich an der Zuverlässigkeit der Maschine und an den schönen Erinnerungen der Tagung. Mit leicht erhöhtem Tempo donnere ich mit 150 km/h die Enduro über die Autobahn. Artgerechte Haltung ist das nicht – weder für die Maschine noch für mich. Da ich flugs bei Halle bin, nehme ich Magdeburg für heute Abend ins Visier. Wir sind trotz der widrigen Arbeitsbedingungen fleißig am Gas.

Die kommende Raststätte ignoriere ich und fahre auf der A 14 nach Magdeburg. Kaum ist die Tanke passiert, erleuchtet die Reserveleuchte der KTM. Das Autobahnschild signalisiert noch 48 km. Das wird eng und ich pendel mich auf 120 km/h runter. Nach meinen Erfahrungen sollte ich die nächste Tankstelle nutzen. Aber leider kommt keine mehr und die Zitterpartie beginnt. Nach 30 Kilometern ohne Raststätte fahre ich nur noch 100 km/h, um Magdeburg zu erreichen. Die erste Ausfahrt, obwohl sie ziemlich öde nach Industriegebiet aussieht, ist meine.

Plötzlich geht noch auf der Abbiegespur der Motor aus und ich fahre rechts ran. Im Dunkeln schüttel ich den Bock hin und her in der Hoffnung, dass sich noch irgendwo Kraftstoff im Tank versteckt hat. Die KTM springt tatsächlich wieder an und ich fahre die Abfahrt Richtung Finsternis. 100 Meter vor der Kreuzung ist Schluss gerade hinter der Kurve, so dass ich die Enduro rechts in den grünen Graben fahre. Dafür ist sie ja eigentlich gebaut. Meine Gedanken überstürzen sich.

Plötzlich kommt ein Auto und biegt auf die Autobahn. Ich springe aus dem Graben und winke. Die Reifen quietschen, der Mercedes stoppt und das Fenster surrt langsam runter. Ein gepflegter Herr schaut mich freundlich an. Ich schildere kurz meine Not und höre die Aufforderung: „Steig ein, an der nächsten Abfahrt ist eine Tankstelle. Ich fahre dich dorthin.“ Als ich in den noblen Bürgerkäfig steige, werde ich etwas rot vor Scham, denn meine nasse Regenkombi tränkt die Kuhhaut auf dem Beifahrersitz und den Zustand meiner Stiefel muss ich ehrlicherweise nach dem Grabengang als stark matschig beschreiben. Um die Situation kommunikativ zu retten, stelle ich mich freundlich vor und erfahre auch, dass mein Engel „Herr Kaiser“ heißt. Ein Nordlicht aus Geesthacht. Er fährt mich zur Tanke, wartet geduldig und bringt mich wieder zum dunklen Graben zurück, wo meine KTM unberührt im Grünen wartet.

Jetzt fummel ich in der Finsternis einer unbeleuchteten Autobahnauffahrt nahe Magdeburg die Gepäckrolle ab, um den Tankstutzen zu öffnen und gieße den Kanister mit dem schwarzen Gold hinein. Die Enduro springt gleich wieder an und ich verzurre wieder die Gepäckrolle samt Kanister. Dann geht es mit Schwung aus dem Graben. Mensch und Maschine sehen aus, als ob wir gerade von einem Endurotraining kämen. Da Herr Kaiser in Magdeburg arbeitet, empfahl er mir ein Hotel in der Innenstadt, das ich ansteuere. Mir reicht es für heute.

Eine gute halbe Stunde später stehe ich dreckig in einem gut besuchten Hotel und bekomme netterweise ein Zimmer. Die heiße Dusche ist wunderbar. Als ich frische Klamotten aus der Gepäckrolle herausholen möchte, bleiben Textilien am Boden kleben. Irgendwie habe ich im finstern Graben die Tasche an den Auspuff gedrückt und ein Loch ist die Folge. Allerdings ist es gerade verschweißt mit meiner Funktionswäsche. Egal. Ich bin froh, den Tag geschafft zu haben und schlendere gegen 21.00 Uhr in die Hotelbar. Dort erhebe ich mein Glas mit kühlem Bier auf meinen Engel: „Danke, Herr Kaiser!“

P.S. Diese kleine Herbstreise ist der Anlass dafür, dass meine KTM nun einen Zusatztank und ein Koffersystem trägt.