Hurra, wir haben Nachwuchs!
„Klasse“, dachte ich, „nur junge Leute!“ Ich fahre mit einer Gruppe von Bikern durch Thüringen und uns begegnen die wildesten Jugendgruppen auf herrlich gepflegten SIMSONs. Die ganze Vogelreihe in wilder Laufbahn: Das ist artgerechte Haltung! Es ist Sommer, so wie im kitschigen Werbeprospekt, heiß, von Regenkombi keine Spur, dazu benötigen wir nicht einmal mehr die Wetter-App. Die jungen Wilden genießen ihr Leben und die Mobilität des Zweirades. Diese vitale Ausstrahlung steckt an, wir winken uns gegenseitig zu und ich fahre mit einem breiten Lächeln unterm Helm weiter. Was wohl die jungen Wilden über uns Alteisen denken, die sich mit 15-30fachem Hubraumüberschuss durch die Gegend schieben? Während wir schwitzend im vollen Bikerornat unterwegs sind, lässt es die Jugend locker luftig angehen und fährt mit kurzer Hose, T-Shirt und Helm durch das sommerliche Vergnügen.
Unser Ziel ist in Leutenberg südlich von Saalfeld der „Sormitzblick“, eine der ältesten Bikerherbergen im Osten. Sie erinnert mich an die Villa Löwenherz und ist ebenfalls eine Institution bei den Motorradfreunden, die entweder – so wie wir – gezielt von Ferne anreisen oder – was den Alltag eher prägt – aus der Region andüsen, um zu klönen, sich zu erfrischen und zu informieren, was gerade das Bikerdasein bewegt. Super Atmosphäre und absolut authentisch, was das Team dort vor Ort realisiert. Jana und Marc führen den „Sormitzblick“ in zweiter Generation. Das Ehepaar sind beide ausgebildete Koch und Köchin, was vor allem den ausgehungerten Bikern hilft, endlich einmal wieder ein wenig Hubraum auf die Knochen zu bekommen.
Leutenberg liegt zwischen dem „Naturpark Thüringer Wald“ und dem „Naturpark Thüringer Schiefergebirge“. Der Erstere ist bekannt durch den Rennsteig, wo im Westen die Stadt Suhl zu finden ist, die ein tolles und sehenswertes „Fahrzeugmuseum“ bietet, in dem die spannende Entwicklungsgeschichte von SIMSON erzählt wird und sämtliche Exponate ausgestellt sind, die wir teils gerade in freier Laufbahn erleben dürfen. Der letztere Naturpark begeistert uns mit dem „Hohenwarte-Stausee“ und der „Bleilochtalsperre“, die den größten Stausee Deutschlands entstehen lässt. Als wir durch diese Gegend Richtung Schleiz fahren, kommt der Gedanke auf, dass diese Rennstrecke in Norwegen liegen könnte; überall sehen wir bewaldete Fjordlandschaft und cruisen über kleine Serpentinen auf und ab. Da es sehr warm ist, nutzen wir auch gerne die vielen Bademöglichkeiten. Ein „skandinavischer“ Traum.
Als Tagesabschluss fahren wir um den Hohenwarte-Stausee im Uhrzeigersinn eine letzte Runde und genießen diese tollen Sommertage, diese einmalige Atmosphäre und diese „Vogelschwärme“, die diese Gegend mit einem herrlichen Zweitaktduft parfümieren. Bei einer kleinen Pause am Straßenrand rauscht eine gelbe SIMSON an uns vorbei und der junge Fahrer winkt uns wie gewohnt zu – und wie gewohnt grüßen wir zurück. Nach kurzer Zeit kommt der Fahrer allerdings zurück, hält und fragt, ob er helfen kann? Sein Gedanke war, nachdem er uns passiert hatte, dass wir eventuell eine Panne haben und das mobile Telefon keinen Empfang hat. Deshalb ist er sicherheitshalber umgekehrt. Wir sind erstaunt über diese Freundlichkeit und Rücksicht! Nach kurzem Austausch fährt er wieder davon und wir haben erfahren, dass er die SIMSON von seiner Oma übernommen hat, die sie damals in der DDR als Erstbesitzerin erwarb. Also ein echter Familienschatz.
Auch wir fahren weiter und es dauert keine fünf Minuten, da kommt hinter einer 180° Fjordkurve eine S-Kurve, in der komplett eine LKW-Ladung Schotter abgekippt wurde, ohne diesen fest zu planieren. Jeder Endurofahrer hätte locker eine paar schöne „Anlieger“ in diese teils 15 cm hohe Kiesellandschaft fahren können. Für alle anderen Verkehrsteilnehmer ist es nur der blanke Horror, denn der einzige Hinweis am Straßenrand ist – wie wir erst im Nachhinein bei genauerer Recherche sehen – ein kleiner Warnhinweis (Verkehrsschild 101-52), wie wir ihn schon hundertfach gesehen haben, wenn Straßen provisorisch geflickt werden und kleine Kieselreste auf der Fahrbahn zu erwarten sind. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es nicht! Als alter Gespannfahrer kann ich es jugendlich locker sehen, aber die Zweiradfahrer kommen mächtig ins Schlingern. Auch die Autofahrer sind überrascht, plötzlich eine Schotteretappe vorzufinden, in der die Kiesel nur so durch die Gegend – und ans Fahrzeug – fliegen. Diese Situation offenbart eindeutig fahrlässigen Straßenbau.
Am Ende der S-Kurve erschrecke auch ich, denn auf der Gegenseite liegt die gelbe SIMSON. Der freundliche Jugendliche läuft ohne Helm über diese Sandwüste und flucht wie ein Rohrspatz (den es in der Vogelreihe in dieser Ausführung nicht gibt). Ein Autofahrer hat schon gehalten und auch wir halten an, sichern die Unfallstelle und schauen nach dem gestürzten Fahrer. Er blutet am rechten Arm und am rechten Bein, ist auf die rechte Seite gestürzt und über die Gegenfahrbahn auf den Grünstreifen links gerutscht – zum Glück nicht in den Gegenverkehr! Der Schreck ist groß – und die Wut! „Schaut euch die SIMSON an! Die Blinker, die Fußraste, der Gasgriff; alles kaputt!“ Der junge Wilde ist richtig außer sich, dass der Familienschatz so lädiert vor ihm steht, wegen so einer Dummheit im Straßenbau. Er greift in die Gesteinswüste und schmeißt mehrere Hände voll in alle Himmelsrichtungen: „Wie kann man so einen Scheiß machen? Schaut euch das an!“ Ich kann seine Wut verstehen und bin nur froh, dass er lebt und noch mit Steinen schmeißen kann.
Wir versuchen, ihn zu beruhigen, versorgen seine Abschürfungen, indem wir ihm aus dem Verbandskasten Kompressen und Verbände anlegen und überlegen am sicheren Straßenrand, was zu tun ist. Der Jugendliche ist versorgt und beruhigt sich. Der Autofahrer verabschiedet sich freundlich und fährt weiter, weil wir zugesagt haben, beim Jugendlichen zu bleiben. Wir inspizieren die SIMSON, die den Ausflug ins Gelände gut überstanden hat: Blinker blinken noch, die Fußraste ist gerade, Gasgriff lässt sich drehen. Nach drei Kicks läuft auch der Motor wieder. Da der Jugendliche die restlichen 20 Kilometer nach Hause selbst fahren will, beschließen wir eine Konvoifahrt, um ihn zu begleiten. Er verspricht, vorsichtig zu sein, zieht den Helm auf und fährt los. Wir folgen ihm und ich als Gespannfahrer fahre am Ende, um alles – vor allem auch den Verkehr von hinten – im Auge zu haben.
Die ersten Kilometer laufen gut, der Jugendliche scheint auf der SIMSON seine Wut und seinen Schmerz dem Fahrtwind hinzugeben. Als wir auf die B 85 einfädeln, lässt er den Familienschatz laufen. Das Navi zeigt 56 km/h und es gibt keinen Drängler von hinten. Alles läuft entspannt. In Saalfeld angekommen, grüßt „unser Patient“ schon wieder Zweiradfreunde, um dann in einem Innenhof abzubiegen. Er hält kurz und winkt uns zum Dank mit seinem verbundenen Arm. So war es besprochen: wir begleiten ihn nach Hause und dann geht er gleich zum Arzt, um die Wunden gründlich versorgen zu lassen.
Wir sind froh, dass er wieder gut zu Hause angekommen ist und hoffen, dass er seine Lehren aus dem Abenteuer ziehen wird und die Oma nicht zu sehr schimpft über die angeraute SIMSON. Wahrscheinlich erzählt sie ihm auch eine Fallgeschichte aus der Jugend. Auch das gehört zur artgerechten Haltung. Ich lächle unterm Helm bei der Rückfahrt, weil mich der Jugendliche an mich selbst erinnert. War ich damals anders? Nach dem Lächeln kommt die Erkenntnis, dass mit solchen freundlichen, patenten Jugendlichen uns nicht bange sein muss vor der Zukunft. Hurra, wir haben Nachwuchs!
Messe-Besuch
Mit großer Freude pilgere ich auf Motorradmessen. Gerade am Anfang eines Jahres bietet sich diese Gelegenheit ausgiebig. Ich genieße das! Denn nirgends finde ich so fromme Menschen, nicht mal in meiner christlichen Kirche. Ist in der glühweingeschwängerten Adventszeit noch reger Gottesdienstbesuch und am Geschenkepapier raschelnden Heiligen Abend der volle Mega-Event, so wird es doch danach im kalten Winter ruhig im christlichen Abendland.
Nicht so auf den Messen! Während sonst die kirchlichen Angebote stets nur an einem Tag für eine Stunde angeboten und dafür am Stadtrand auf Hinweisschildern eher spärlich geworben wird, feiern wir fetzige Motorradmessen über mehrere Tage und zwar stundenlang. Auch wird umfangreich auf Plakaten dazu eingeladen. Das ist professionell, wirkt gut vorbereitet und lockt zum Besuch.
Und dann betritt man die heiligen Hallen und findet unzählige glänzende Exponate soweit das Auge reicht. Selbst auf Düfte muss ich nicht verzichten, denn überall qualmt es aus Auspuff- oder Frittenrohren. Alles hat sich hübsch gemacht für diese Messe. Es glänzen die himmlischen Ausstellungstücke. Die Messdiener sind meist jung, weiblich und verkörpern Gottes gute Schöpfung in Vollkommenheit. Das Besuchervolk hat sich für diesen Messeauftritt ebenfalls individuell gestylt und geizt nicht mit ausgesuchtem Körperschmuck und -geruch. Das kenne ich von der kirchlichen Sonntagsmesse schlichtweg anders.
Und wie fromm die Motorradfreunde sind! Sie stehen minutenlang still vor der angehimmelten glänzenden Skulptur. Einige knien sogar nieder. Andere legen sich sehnsüchtig vor das aufgebockte Zweirad und betrachten hingebungsvoll jedes noch so kleine Detail. Natürlich wird hier nicht dem bloßen Mammon gefrönt, sondern dem genialen Geist der Schrauberapostel wie Friedel Münch, Fritz Egli, Peter Sauer und der vielen anderen fleißigen Tüftler, die diese genialen Kunstwerken erschaffen. Das kann man nicht lernen. Das ist von Gott gegeben.
Die Motorradfreunde sind eine große Gemeinde. Bei genauerer Sicht unterscheiden sich allerdings die Glaubensrichtungen sehr. Die einen huldigen dem rasselnden V-Zwo, die anderen boxen sich durch das Leben. Es gibt lahme Böcke und heilige Kühe. Einige behaupten, Gott selbst führe Harley, wobei in der Bibel geschrieben steht, dass Gott mit Triumph gen Himmel fuhr. Selbst interreligiöse Einflüsse zeigen sich in dieser Biker-Gemeinschaft, denn indische Eintöpfe, japanische Stimmgabeln und chinesische Dreiräder sind ebenfalls vertreten. Da wirkt das Hammer-und-Sichel-Gespann aus dem orthodoxen Ural fast schon altbackend deutsch. Ich sage Dir, auf den Motorradmessen triffst Du Gott und die Welt.
Deshalb pilgere ich auf so viele Messen, wie ich kann. Ich bin ein frommer Mensch und genieße solch innige individuelle Anbetung und diese internationale Achtung der Schöpfung. Diese Messebesuche bringen mich gut über den Winter – bis zu dem Tag, an dem ich wieder vor meinem eigenen himmlischen Kultgegenstand stehe, den Motor anschmeiße, das Geläut genieße und langsam auf die Straße des wahren Lebens einbiege. Hurra, ich lebe – Gott sei Dank!
Eine alte Weihnachtsgeschichte aus dem Erzgebirge
Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Ersten Sekretär Honecker ausging, dass alle Genossen geschätzt würden. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Ingenieur Herbert Friedrich noch aktiv war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Walter aus dem Erzgebirge, aus der Ort Pobershau, durch das Arbeiter- und Bauernland nach Zschopau, weil er ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik und ein treuer Genosse war, damit er sich schätzen ließe mit seiner MZ, die war sauschnell. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie langsamer wurde. Und sie gebar hohen Verschleiß und er zerlegte sie auf einem Tisch in einer Garage; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Stadt.
Und es waren Zweiradfahrer in derselben Gegend auf dem Felde bei Hohndorf, die ackerten offroad mit ihren Enduros. Und eine große Hoffnung trat zu ihnen und eine neue Idee leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und die Hoffnung sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute die Zuversicht geboren, welche ist die Zukunft, moderne Motorräder, in der alten Stadt des Dampf-Kraft-Wagens.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden die MZ in einer Garage zerlegt und auf einem Tisch liegen. Und alsbald war da bei der Hoffnung die Menge der antifaschistischen Pioniere, die lobten den Sozialismus und sprachen: Ehre sei Marx, Engels und Lenin! Und Friede auf Erden bei den Menschen ihres Wohlgefallens.
Und als die Hoffnung von ihnen in die dunkle Nacht eilte, sprachen die Enduristen untereinander: Lasst uns nun fahren nach Zschopau und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns moderne Motorräder kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Chefingenieur Kaaden, dazu die MZ auf dem Tisch liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das ihnen von diesem Motorrad gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Enduristen gesagt hatten. Walter Kaaden aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in seinem Herzen. Und die Enduristen kehrten wieder um, priesen und lobten den Sozialismus für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Als die ETS geboren war in Zschopau im Erzgebirge zur Zeit des Stasi-Chefs Mielke, siehe, da kamen Sportsfreunde aus dem Kapitalismus nach Ost-Berlin und sprachen: Wo ist die neugeborene Königin des Zweitakts? Wir haben einen Prototyp gesehen in Westdeutschland und sind gekommen, ihn zu kaufen. Als das Stasi-Chef Mielke hörte, erschrak er und mit ihm der ganze SED-Kader, und er ließ zusammenkommen alle Funktionäre und inoffizielle Mitarbeiter des Politbüros und erforschte, wo ein modernes Motorrad erdacht werden könnte. Und sie sagten ihm: In Zschopau im Erzgebirge; denn so sprach schon Ernst Degner zu Suzuki: „Und Zschopau im Erzgebirge ist keineswegs im Rennsport zu unterschätzen, denn von dort wird kommen der Six-Days-Gewinner, der im Enduro dominieren wird.“ Da rief Mielke die Sportsfreunde heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Prototyp erschienen wäre, und schickte sie nach Zschopau und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Motorrad, und wenn ihr´s findet, so sagt mir´s wieder, dass auch ich komme und es lobe.
Als sie nun den Stasi-Chef gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, die Faszination des Prototyps, der sie schon in Westdeutschland begeistert hatten, ging vor ihnen her, bis sie an dem Ort standen, wo das Motorrad war. Als sie das Licht sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in die Garage und fanden die MZ mit Walter Kaaden, Techniker des Volkes, und fielen nieder und starrten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Reifen, Zündkerzen und Bremsbeläge. Und die Sportsfreunde bekamen im Traum die Einsicht, nicht wieder zu Mielke zurückzukehren; und sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.
Aus dem MZ-Evangelium, Kap 2.
Psalm 23 für Biker:
Gott ist mein Begleiter
mir wird nichts mangeln.
Er zeigt mir seine schönsten Plätze der Welt
und führet mich zum Quell des Lebens.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.
Und ob ich auch rutschte im nassen Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Engel und Rat trösten mich.
Du bereitest mein tägliches Brot
im Einklang deiner Schöpfung.
Du schützest mein Haupt im Helm
und schenkest mir Geduld.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.
Was bedeutet: 4 – 2 – 3?
Zuerst geht es auf allen Vieren, dann erhebt sich der Mensch und läuft auf zwei Beinen, um am Ende seines Lebens für diesen aufrechten Gang einen Gehstock zu gebrauchen, was auf der Lebensspur drei Abdrücke hinterlässt. 4 – 2 – 3.
Für das Leben des Motorradfahrers bedeutet dieses, dass Du zuerst im Automobil herum gefahren wirst, um dann als Erwachsener artgerecht auf dem Motorrad unterwegs zu sein. Am Ende sitzt Du sicher auf dem Gespann und genießt den stürmischen Wind um die Nase, die Vibrationen im Hintern und die erfrischende Freiheit des Lebens. Des Rätzels Lösung ist das LEBEN!
Oktopussy
Es ist Sommer. Ich fahre mit meinem Motorrad an eine rote Ampel. Atmosphäre wie beim Grand Prix von Monaco. Startgerangel inmitten der Stadt. Ich artgerecht auf der linken Spur, das dicke Auto neben mir auf der rechten. Die Bahn vor uns ist frei. Nur das Rotlichtmilieu hemmt uns! Aus dem offnen Fenster ascht der Autopilot seine brennende Zigarette ab. Ich bin erinnert an den legendären Barry Sheene, der auch stets am Start, unmittelbar vor dem Rennen, eine Zigarette rauchte. Sein Integralhelm hatte deswegen ein Loch unter dem Visier. Die Last-Minute-Kippe: sein Markenzeichen! Ich rauche nicht und lebe noch. Das ist der Unterschied. Ansonsten fühle ich mich wie Barry. Gerne würde auch ich so genial und locker das Zweirad beherrschen.
Der Autofahrer lächelt mir freundlich zu. Beugt sich leicht vor und fummelt am Cockpit. Musik ertönt. Sie ist so laut, dass sie locker meinen Auspuff übertönt. Ich schätze knapp 100 Phon. Schmerzgrenze! Dann hebt er noch einen coffee to go in meine Richtung und prostet mir zu. Der Typ ist wirklich locker drauf. Nun bin ich auf sein Startverhalten gespannt? Eigentlich bemitleide ich ihn! Es lacht wunderbare Sommerfrische: warm, aber nicht heiß. Ideale Rennbedingungen und er sitzt in seiner Blechdose. Nur ein kleines offenes Fenster. Keine Spur vom echten Fahrtwind. Das ist doch keine artgerechte Haltung! Ich frage mich, wie kann Gott das zulassen? Außerdem hat er nur zwei Arme, könnte aber acht gebrauchen. „Oktopussy!“ ruf ich ihm ebenfalls freundlich lächelnd zu, aber er versteht nichts.
Warum hat der liebe Gott uns Menschen nicht acht Arme geschenkt? Ohne Probleme könnten wir dann sicher am Verkehr teilnehmen, weil wir stets zwei Hände am Lenkrad hielten. Dazu noch eine Hand für die Zigarette und die andere für den Kaffeebecher. Weiteres Handgemenge im Auto wäre ohne Sicherheitseinbußen möglich, wie zum Beispiel Musikwahl im Radio oder die Neuauswahl der CD. Selbst für die Beifahrerin hätte man noch eine Hand frei und könnte Ihr – ganz Kavalier – beim Suchen behilflich sein und die Handtasche halten. Auch die Wünsche der Kleinen von der Rückbank könnte ein guter Vater sofort erfüllen. Bei alledem wäre immer noch eine Hand frei, um den Aschenbecher in der Konsole zu öffnen, damit ein Mann des 21. Jahrhunderts nicht primitiv die Zigarette aus dem Fenster aschen muss. Ja, Oktopussy müsste man sein!
Die Vorstellung von acht Armen gefällt mir. Auch an den modernen Motorrädern mit einstellbaren teilintegralem (Kurven-)ABS, elektonischen ESA-Fahrwerk, Radio und Griffheizung ist man mit zwei Händen völlig unterversorgt. Aber selbst beim Klassiker auf zwei Rädern scheinen zwei Hände oft nicht genug. Allein die Tatsache, dass ich als Oktopussy nicht mehr mit einer Hand Gasgeben und Bremsen müsste, sondern getrennt voneinander, beides feinfühlig händeln könnte. Auch beim Enduro könnte ich beherzter durch´s Gelände flügen, da zwei Hände stets die Lenkstange gut im Griff hätten. Und sollte mir der Schalthebel wieder einmal die Bolzerei in der Natur krumm nehmen, wäre ohne Probleme gleich eine Hand frei, um die Sache wieder geradezubiegen. Dazu könnte ich mir glatt noch – voll in Fahrt – ein Getränk meiner Wahl mit einer Hand aus dem Rucksack holen. Lieber Gott, ich frage mich: Warum nur zwei Arme?
Lautes Hupen lässt meinen Traum platzen. Neben mir quietschen und qualmen die Reifen. Gerade erwacht, versucht meine aufgescheuchte rudimentäre leibliche Beschaffenheit den Bock zu beschleunigen. Oktopussy fährt vor mir und ist nicht mehr einzuholen. Er schafft die „gelbe Phase“ der nächsten Ampel und gerät außer Sichtweite. Bestimmt genießt er jetzt siegreich einen coffee to race. Ich stehe wieder im Rotlichtmilieu der Stadt, und nur meine Gedanken haben freien Lauf. Warum ist der Mensch, wie er ist? Plötzlich überfällt mich das alte Psalmwort: „Du verstehst mein Gedanken von ferne“ und ich habe das Gefühl einer Götterdämmerung; Gott sieht mich und ruft mir zu: Pass auf, Oktopussy, und versau´ den Start nicht wieder! Dann springt die Ampel um, und ich starte beherzt in die Sommerfrische. Perfekt! Ich lache und rufe laut unter meinem Helm: Platz da, hier kommt Barry Oktopussy Sheene!
Ostergeschichte für Biker
Eine schwangere Bikerin erwartete Zwillinge und träumte in der Osternacht folgendes Benzingespäch:
Die noch nicht geborenen Zwillinge führten einen Dialog über ihre Zukunft. „Glaubst du an einem Leben nach der Geburt?“ fragte der eine verunsichert. „Klar“, sagte der andere, „Hier in der Finsternis ist es zwar warm, und wir haben zu essen, aber das eigentliche Leben kommt nach der Geburt.“ Der Bruder blieb unruhig: „Ein Leben nach der Geburt ist doch lächerlich. Wie soll das gehen?“ Daraufhin sein Geschwisterchen: „Ich glaube, es wird ganz hell und du kannst mit deinen Augen wundervolle Dinge sehen. Unvorstellbares wirst du bestaunen. Ja, du kannst sogar herumlaufen, frische Luft atmen und selbst Essen zu dir nehmen.“ Bei diesem Satz unterbrach der Zweifler: „Ich will gar nicht selbst essen! Warum hat Gott uns wohl diese Nabelschnur gegeben? Außerdem; wie weit willst du denn laufen mit deiner Nabelschnur? Das ist doch Blödsinn!“ Das Brüderchen beruhigte den anderen: „Nun mal ruhig Blut! Die Geburt kommt bald. Dann brauchst du Nabel und Schnur nicht mehr. Dann wirst du sogar deine Mutter sehen!“ Nun ist der verzagte Bruder aber völlig in Wallung. „Ich will meine Mutter gar nicht sehen. Ich glaube gar nicht an eine Mutter! Wo soll denn bitte schön meine Mutter sein?“ Ohne zu lachen, behauptete sein Zwillingsbruder: „Du hast eine Mutter, ob du es glaubst oder nicht. Ohne sie könnten wir gar nicht leben. Sie umgibt uns und schützt uns!“ Nun dachte der Ängstliche an einen Aprilscherz. „Erzähl´ keinen Mist! Du mit deiner Mutter. Das ist doch lächerlich. Wo ist sie denn? Warum lässt sie uns hier allein im Dunkeln? Ich glaube nur, was ich sehe!“ Der hoffnungsvolle Bruder antwortete sachlich: „Auch wenn deine Augen jetzt noch nichts erkennen, aber du wirst sehen! Glauben kannst du allerdings schon heute, dass dein Leben nach der Geburt weiter geht, denn wenn es ganz still ist, hörst du manchmal ihren Gesang oder du spürst ihre warmen Hände ganz in deiner Nähe. Es ist als ob unsere Mutter mit uns lebt. Ich fühle ihre Liebe!“ Plötzlich setzten starke Wehen ein und Licht scheint in die Finsternis. „Ich will nicht raus.“, schrie der eine panisch, „Ich habe Angst. Fürchtest du nicht den Tod?“ Der andere freute sich riesig: „Nein, ich will Mutter sehen. Komm, ich gehe voran!“
Nachdem die Bikerin die Zwillinge gesund zur Welt gebracht hatte, taufte sie den einen auf den Namen Thomas und den anderen nannte sie Jesus.
Eine alte Weihnachtsgeschichte aus dem Erzgebirge
Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Ersten Sekretär Honecker ausging, dass alle Genossen geschätzt würden. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Ingenieur Herbert Friedrich noch aktiv war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Walter aus dem Erzgebirge, aus der Ort Pobershau, durch das Arbeiter- und Bauernland nach Zschopau, weil er ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik und ein treuer Genosse war, damit er sich schätzen ließe mit seiner MZ, die war sauschnell. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie langsamer wurde. Und sie gebar hohen Verschleiß und er zerlegte sie auf einem Tisch in einer Garage; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Stadt.
Und es waren Zweiradfahrer in derselben Gegend auf dem Felde bei Hohndorf, die ackerten offroad mit ihren Enduros. Und eine große Hoffnung trat zu ihnen und eine neue Idee leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und die Hoffnung sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute die Zuversicht geboren, welche ist die Zukunft, moderne Motorräder, in der alten Stadt des Dampf-Kraft-Wagens.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden die MZ in einer Garage zerlegt und auf einem Tisch liegen. Und alsbald war da bei der Hoffnung die Menge der antifaschistischen Pioniere, die lobten den Sozialismus und sprachen: Ehre sei Marx, Engels und Lenin! Und Friede auf Erden bei den Menschen ihres Wohlgefallens.
Und als die Hoffnung von ihnen in die dunkle Nacht eilte, sprachen die Enduristen untereinander: Lasst uns nun fahren nach Zschopau und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns moderne Motorräder kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Chefingenieur Kaaden, dazu die MZ auf dem Tisch liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das ihnen von diesem Motorrad gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Enduristen gesagt hatten. Walter Kaaden aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in seinem Herzen. Und die Enduristen kehrten wieder um, priesen und lobten den Sozialismus für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Als die ETS geboren war in Zschopau im Erzgebirge zur Zeit des Stasi-Chefs Mielke, siehe, da kamen Sportsfreunde aus dem Kapitalismus nach Ost-Berlin und sprachen: Wo ist die neugeborene Königin des Zweitakts? Wir haben einen Prototyp gesehen in Westdeutschland und sind gekommen, ihn zu kaufen. Als das Stasi-Chef Mielke hörte, erschrak er und mit ihm der ganze SED-Kader, und er ließ zusammenkommen alle Funktionäre und inoffizielle Mitarbeiter des Politbüros und erforschte, wo ein modernes Motorrad erdacht werden könnte. Und sie sagten ihm: In Zschopau im Erzgebirge; denn so sprach schon Ernst Degner zu Suzuki: „Und Zschopau im Erzgebirge ist keineswegs im Rennsport zu unterschätzen, denn von dort wird kommen der Six-Days-Gewinner, der im Enduro dominieren wird.“ Da rief Mielke die Sportsfreunde heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Prototyp erschienen wäre, und schickte sie nach Zschopau und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Motorrad, und wenn ihr´s findet, so sagt mir´s wieder, dass auch ich komme und es lobe.
Als sie nun den Stasi-Chef gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, die Faszination des Prototyps, der sie schon in Westdeutschland begeistert hatten, ging vor ihnen her, bis sie an dem Ort standen, wo das Motorrad war. Als sie das Licht sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in die Garage und fanden die MZ mit Walter Kaaden, Techniker des Volkes, und fielen nieder und starrten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Reifen, Zündkerzen und Bremsbeläge. Und die Sportsfreunde bekamen im Traum die Einsicht, nicht wieder zu Mielke zurückzukehren; und sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.
Aus dem MZ-Evangelium, Kap 2.
Psalm 23 für Biker:
Gott ist mein Begleiter
mir wird nichts mangeln.
Er zeigt mir seine schönsten Plätze der Welt
und führet mich zum Quell des Lebens.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.
Und ob ich auch rutschte im nassen Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Engel und Rat trösten mich.
Du bereitest mein tägliches Brot
im Einklang deiner Schöpfung.
Du schützest mein Haupt im Helm
und schenkest mir Geduld.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.
Winterzeit ist Messezeit
Ich schlängele mich lieber durch die prallgefüllten Hallen als im frostigen Verkehr zu erfrieren. „Wie ein großes Familienfest“, sagt meine Frau, ein buntes Treiben und überall Gespräche. Ich fokussiere hauptsächlich die Motorräder und freue mich, wenn ich die neuen Ankündigungen aus der Presse endlich im Original sehen kann. Verschiedene Sichtweisen. Deshalb soll ich lieber allein zur Messe fahren. „Dann hast Du Zeit nur für Dich!“, sagt meine weise Frau. Ist doch schön, wenn man sich in der Familie so gut versteht.
Wegen Royal Enfield würde sie sogar noch mal mitkommen. „Old style“ mag sie! (Deshalb, glaube ich, ist sie mit mir noch zusammen: Ewige Werte, Funktion ohne Schnickschnack und „used look“.) Hätte man auch nicht gedacht, dass die Kolonialzeiten uns heute diese modernen Oldtimer garantieren? Und jetzt haben die Inder in England sogar noch ein Entwicklungszentrum eingerichtet. Ist doch klasse, wenn die Ur-Enkel der alten Oma unter die Arme greifen! Alles hat eben seine Zeit.
Wahrscheinlich sucht BMW deshalb auch die Zusammenarbeit mit den Indern. So entstehen Familienbande, die in Asien noch von gesellschaftlichem Wert sind. Sollte in Zukunft die deutsche Mutter mal kränkeln, kann man doch zumindest auf die Hilfe der indischen Familienglieder hoffen. Hier im Lande sieht es ja nicht so gut mit der Familienzusammengehörigkeit aus, wenn man in die eigene Familie, in die Konzerne oder in die politische Großfamilie Europa schaut.
Auch bei KTM wechseln die Zeiten. Orange ist vorbei, denn jetzt gibt es den bewährten großen Einzylinder in weiß-blau-gelb als Husqvarna. Klingt nach schwedischer Wildnis, kommt allerdings aus den Alpen. Design ist ja bekanntlich Geschmackssache, aber über die Qualitäten dieses Racers sind sich alle einig – was sich auch in den Verkaufszahlen widerspiegelt. Husquarna ist viel herumgekommen: Schweden, Italien, Deutschland und jetzt Österreich. „Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.“ schrieb schon Wilhelm Busch.
Ähnlich wie Husqvarna kommt Kawasaki aus dem Waffengeschäft. Heute gestaltet sich die Produktion ziviler, obwohl die neue Z 900 wie eine Bombe einschlagen dürfte. Der Traum der Schulzeit steht zum Verkauf und ich habe diesmal die Kohle, um diesen Traum zu verwirklichen. Manchmal bietet die Zeit ein zweite Chance – und mir die Möglichkeit, die Zeit der Jugend noch einmal zu erleben. Gefühle sind zeitlos, oder?
Auf Messen nehme ich mir gerne Zeit für die vielen kleinen Freaks, die tolle individuelle Angebote haben. Sei es der coole Umbau, das geile Tattoo oder die simple umgesetzte Idee, die das Motorradfahren ein Stück einfacher bzw. sicherer macht. Winterzeit ist ja auch Zeit zum Tüfteln und Schrauben.
Fahrtrainings für Motorradfahrer sind im Winter nicht so gefragt; Sauregurkenzeit! Aber die verschiedenen Anbieter planen im Winter für die Saison, die ja bekanntlich im Frühjahr mit den ersten Sonnenstrahlen anfängt. Wenn der Bock dann anspringt? Wie die Zeit vergeht! Da hat man doch gerade erst das Zweirad abgestellt und nun ist die Batterie leer, der TüV abgelaufen und die Reifen platt. Irgendwie läuft die Zeit heutzutage – gefühlt – schneller.
Auch der eine oder andere Kumpel hat sich über den Winter verändert. Manche zeigen einige Standschäden, andere wirken wie frisch renoviert und topp gepflegt. Da kann man schon den Young- vom Oldtimer gut unterscheiden, ohne einen Gutachter zu Rate ziehen zu müssen. Aber ehrlich gesagt, freue ich mich über jedes Windgesicht, dass ich auf der Messe wiedersehe, denn obwohl wir nicht aus Indien stammen, sind wir doch irgendwie eine Familie.
Wenn ich nach der Messe wieder nach Hause komme, fragt meine Frau liebevoll, was ich erlebt habe? Meist bemerkt sie, dass ich „irgendwie ganz entspannt wirke“. Ich antworte dann: „Liebe Leute, lockere Atmosphäre und viele tolle Gespräche. Wie ein großes Familienfest!“ Dann sagt meine Frau stets: „Siehste, habe ich doch gesagt!“
Was bedeutet: 4 – 2 – 3?
Zuerst geht es auf allen Vieren, dann erhebt sich der Mensch und läuft auf zwei Beinen, um am Ende seines Lebens für diesen aufrechten Gang einen Gehstock zu gebrauchen, was auf der Lebensspur drei Abdrücke hinterlässt. 4 – 2 – 3.
Für das Leben des Motorradfahrers bedeutet dieses, dass Du zuerst im Automobil herum gefahren wirst, um dann als Erwachsener artgerecht auf dem Motorrad unterwegs zu sein. Am Ende sitzt Du sicher auf dem Gespann und genießt den stürmischen Wind um die Nase, die Vibrationen im Hintern und die erfrischende Freiheit des Lebens. Des Rätzels Lösung ist das LEBEN!
Abenteuer Stadt oder „Der Sündenbock“
Streckensperrungen für Motorräder sind in Mode, Fahrverbote für PKW sind angesagt. Alles zum Wohle des Volkes! Mich erinnert das an die uralte Geschichte des Sündenbocks. Im 3. Buch Mose (Levitikus) der Bibel wird diese uralte Geschichte erzählt, dass die Probleme verschwinden, wenn man einen Schuldigen benennt „und ihn in die Wüste schickt“ (vgl. Kap. 16, Verse 21f.). Man muss also nur einen Dummen – egal ob Tiere oder Menschen – finden, den man als Schuldigen diffamieren kann und schon lässt es sich in Ruhe weiter leben und regieren. Das Leben kann so einfach sein.
Als Bürger in Hamburg wundert man sich allerdings, dass gerade Dieselfahrzeuge das Problem sein sollen, obwohl doch jeder weiß, dass allein die Schiffe beim Hafengeburtstag mehr Umweltgifte in die Luft blasen als der gesamte Straßenverkehr Hamburgs in einem Jahr. Letztendlich sind die dicken Pötte schwimmende Müllverbrennungsanlagen. Das ändert sich auch nicht, wenn man Kabinen, Schwimmbäder, Restaurants sowie Casinos drumherum baut und darauf Kreuzfahrten anbietet. Dass die Hansestadt auch zwei Stadtflughäfen hat, die täglich Hunderte Starts und Landungen verbuchen, wird in der Ököbilanz verschwiegen. Naja, für Kerosin muss man ja auch keine Steuern zahlen! Dafür müssen die Motorrad- und Dieselfahrzeugbesitzer aufkommen, die jetzt nicht mehr fahren dürfen. Ist doch eine geniale Idee: Steuern für Verbote. Da ist Deutschland ganz klar in der Pole-Position.
Als 19.000 Motorradfreunde nach dem Motorradgottesdienst in Hamburg durch die Stadt knattern, ist die Resonanz in der Presse meist negativ – nicht wegen der Unfälle, sondern wegen der Straßensprerrungen und der Verkehrsbehinderungen. Die Bewohner der „Metropole an der Elbe“ haben einfach keine Lust mehr auf verstopfte Straßen, da sie sich täglich durch das Chaos quälen müssen. Dass Hamburg touristisch als eine grüne Eventstadt und wirtschaftlich als das „Tor zur Welt“ gehandelt wird, mag von den Verantwortlichen gewollt sein und bringt die erhoffte Dividende. Die Bürger allerdings wollen das nicht. Die ganzen Pendlermassen, die sich morgens und abends aus dem Umland zum Arbeitsplatz schleichen, sehnen sich auch nach anderen Lösungen. Und umweltfreundlich ist es nun ganz und gar nicht.
Aber alles ist gut, wenn man einen Schuldigen benennt und ihn aussondert. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Menschen ändern sich nicht, denn die Geschichte vom Sündenbock ist schon 3.000 Jahre alt. Natürlich halte ich mich als guter Bürger an die Gesetze, lasse jetzt meinen Diesel stehen und nehme dafür das Motorrad. Meine alte MZ freut sich über die sommerlichen Ausfahrten und ist umweltfreundlicher als jeder Schiffsdiesel oder als der angeblich saubere Euro-6-SUV, mit dem der Fahrer kraftvoll versucht, das Abenteuer Stadt zu überleben oder die Kinder morgens in den Kindergarten um die Ecke zu fahren. Vielleicht sollte man lieber all die Geländefahrzeuge, die in der Stadt cruisen, in die Wüste schicken. Das wäre doch artgerechte Haltung! Allerdings zahlt man in der fernen Wüste keine Steuern mehr – höchstens „Bakschisch“, aber dieser frei kalkulierte Wegezoll nervt auch. Man könnte die Verantwortlichen in die Wüste schicken, aber die überlaufene Wüste regelt neuerdings die Zuwanderung. Deshalb schickten die schlauen Hamburger ihren alten Bürgermeister nach Berlin. Seitdem stockt dort der Verkehr. Mit Adventuregrüßen!
Fit auf die Kiste
Zur später Stunde kommen meine Frau und ich nach Hause und als wir das Auto in die Garage fahren, wird mein Motorrad, das dort am Ende vor der Mauer steht, beleuchtet. Ich freue mich, sie zu sehen! Mir wird plötzlich klar, dass der Winter im Schwinden ist und bald wieder die gemeinsame Zeit startet. Laut gedacht, sage ich, als ich sie – nur leicht mit einem Flaum von Staub garniert – nackt und unbedeckt betrachte: „Mäuschen! Ich glaube, du brauchst einen kleinen Frühlings-Check!“
Meine Frau hat sich über die Jahre in unserer Ehe daran gewöhnt, dass ich nicht nur sie allein mit einem Kosenamen anspreche, und sagt nichts. Warum Mäuschen Mäuschen ist, weiß ich nicht genau zu erklären. Vielleicht, weil eine 30 Jahre alte 750er für heutige Verhältnisse sehr zierlich wirkt? Vielleicht auch, weil ihre Armaturen in sämtlichen Tests damals als „Mäusekino“ beschrieben wurden. Kosenamen lassen sich so schwer rational erklären! Ob Hasi, Schatz, Schnuck oder Mausi; wer kann das ergründen? Wem das Herz voll ist, dem läuft der Mund halt über.
Als der neue Tag beginnt und meine Frau schon am frühen Morgen 45 Minuten Zeitvorsprung herausgefahren hat, weil ich zu lange in der Box lag, schleiche ich mich verspätet in die Duschkabine. Sie hat schon die Warmlaufphase hinter sich, ist frisch, motiviert und startklar. Bevor sie ins Rennen geht, schaut sie noch schnell für einen Abschiedsgruß ins Badezimmer und sagt, als sie mich so nackt und unbedeckt betrachtet: „Mäuschen! Ich glaube, du brauchst einen kleinen Frühlings-Check!“
Der Satz geht mir nach! Nach vielen Jahren in einer Partnerschaft weiß ich, solche liebevollen Botschaften zu schätzen. Ich betrachte mich also nach dem Duschen und muss mir ehrlich eingestehen, dass auch an mir die letzten 30 Jahre nicht so ganz spurlos vorüber gegangen sind. So bei Lichte betrachtet, ohne Verkleidung, könnte man auf die Idee kommen, mal einen Service ins Auge fassen zu müssen.
Noch bevor ich ins Tagesrennen starte, rufe ich in der Praxis an, um einen Termin zu vereinbaren. „Sie waren auch schon lange nicht mehr bei mir!“, höre ich die Stimme meines Doc, „Da machen wir wieder, wie vor acht Jahren, eine kleine Hafenrundfahrt und ein großes Blutbild.“ Ich mag humorigen Mediziner, die die Dinge so liebevoll umschreiben können. „Kleine Hafenrundfahrt und großes Blutbild“ hören sich so unverfänglich an wie ein umfangreicher Werkstatttest, der umschrieben würde als „kleine Bremsprüfung und großer Inspektion“.
Nach überstandenen Testlauf, erfahre ich die Auswertung samt Einschätzung der Plazierungschancen. „Für ihr Alter sieht das alles sehr gut aus!“, resümiert der Doc fast seelsorgerlich. Wie ich diese Formulierung inzwischen hasse, weil ich sie überall nach jedem Test höre: Für ihr Alter! Dass ich kein Neufahrzeug mehr bin, weiß ich, aber muss man denn einen gut gepflegtenYoungtimer gleich zum Oldtimer stempeln? Der Arzt erklärt mir, dass ich auf eine gute Ernährung und ausreichend Bewegung achten sollte. „Essen Sie viel Obst und Gemüse! Treiben Sie regelmäßig Sport!“, sind seine Tipps. Zum Abschluss schreibt er mir eine Buchempfehlung auf einen Zettel und verabschiedet sich freundlich: „Dann bis in acht Jahren!“ Dieser Satz in dieser Situation hätte auch von meiner Frau kommen können.
Als ich zu Hause den Zettel lese, steht dort der Buchtitel „Fit in die Kiste“. Ich bin schockiert. Ist das noch Humor? Ich bin sauer, aber meine Frau beruhigt mich. Ein paar Tage später finde ich ein Buch liebevoll verpackt auf dem Küchentisch. Meine Frau ist schon wieder früher in den Tag gestartet, weil ich – wieder – in der Box festhing, und hat auf einen Zettel geschrieben: „Schrauberhandbuch für einen lieben Menschen“. Ich packe es neugierig aus und lache herzhaft. Meine Frau hat den Buchtitel geändert! Mit einem Edding war das „in“ durchgestrichen und dafür ein „auf“ drübergeschrieben: „Fit auf die Kiste“, lese ich nun – und danach noch das ganze Buch.
Ostergeschichte für Biker
Eine schwangere Bikerin erwartete Zwillinge und träumte in der Osternacht folgendes Benzingespäch:
Die noch nicht geborenen Zwillinge führten einen Dialog über ihre Zukunft. „Glaubst du an einem Leben nach der Geburt?“ fragte der eine verunsichert. „Klar“, sagte der andere, „Hier in der Finsternis ist es zwar warm, und wir haben zu essen, aber das eigentliche Leben kommt nach der Geburt.“ Der Bruder blieb unruhig: „Ein Leben nach der Geburt ist doch lächerlich. Wie soll das gehen?“ Daraufhin sein Geschwisterchen: „Ich glaube, es wird ganz hell und du kannst mit deinen Augen wundervolle Dinge sehen. Unvorstellbares wirst du bestaunen. Ja, du kannst sogar herumlaufen, frische Luft atmen und selbst Essen zu dir nehmen.“ Bei diesem Satz unterbrach der Zweifler: „Ich will gar nicht selbst essen! Warum hat Gott uns wohl diese Nabelschnur gegeben? Außerdem; wie weit willst du denn laufen mit deiner Nabelschnur? Das ist doch Blödsinn!“ Das Brüderchen beruhigte den anderen: „Nun mal ruhig Blut! Die Geburt kommt bald. Dann brauchst du Nabel und Schnur nicht mehr. Dann wirst du sogar deine Mutter sehen!“ Nun ist der verzagte Bruder aber völlig in Wallung. „Ich will meine Mutter gar nicht sehen. Ich glaube gar nicht an eine Mutter! Wo soll denn bitte schön meine Mutter sein?“ Ohne zu lachen, behauptete sein Zwillingsbruder: „Du hast eine Mutter, ob du es glaubst oder nicht. Ohne sie könnten wir gar nicht leben. Sie umgibt uns und schützt uns!“ Nun dachte der Ängstliche an einen Aprilscherz. „Erzähl´ keinen Mist! Du mit deiner Mutter. Das ist doch lächerlich. Wo ist sie denn? Warum lässt sie uns hier allein im Dunkeln? Ich glaube nur, was ich sehe!“ Der hoffnungsvolle Bruder antwortete sachlich: „Auch wenn deine Augen jetzt noch nichts erkennen, aber du wirst sehen! Glauben kannst du allerdings schon heute, dass dein Leben nach der Geburt weiter geht, denn wenn es ganz still ist, hörst du manchmal ihren Gesang oder du spürst ihre warmen Hände ganz in deiner Nähe. Es ist als ob unsere Mutter mit uns lebt. Ich fühle ihre Liebe!“ Plötzlich setzten starke Wehen ein und Licht scheint in die Finsternis. „Ich will nicht raus.“, schrie der eine panisch, „Ich habe Angst. Fürchtest du nicht den Tod?“ Der andere freute sich riesig: „Nein, ich will Mutter sehen. Komm, ich gehe voran!“
Nachdem die Bikerin die Zwillinge gesund zur Welt gebracht hatte, taufte sie den einen auf den Namen Thomas und den anderen nannte sie Jesus.
Meine Alte
Ich weiß auch nicht genau warum, aber plötzlich stand ich in diesem exklusiven Etablissement. Zugegebenermaßen war es mir nicht verborgen geblieben, dass es soetwas gibt. Immerhin bin ich ein moderner Mensch. Ich wußte schon, dass es hier an Ort und Stelle diese Angebote gibt. Mehrmals war ich hier schon vorbeigefahren, hatte wahrgenommen, wieviel hier tagtäglich los ist. Stets war der hauseigene Parkplatz gut besucht. Aber ich fuhr eben nur vorbei, registrierte – mehr unterbewußt – diesen Laden und hielt nicht an. Jetzt stand ich also mittendrin und auch mein Fahrzeug draußen vor der Tür. Ein komisches Gefühl. Irgendwie eine Mischung aus peinlich und schön, verrückt und angenehm.
Unsicher ließ ich meine Blicke schweifen und hoffte, dass man mir meine Unsicherheit nicht anmerkte. Ich kam mir vor wie in meiner Jugend. Überall standen aufreizend diese jungen Dinger und zogen meinen Blick förmlich an. Plötzlich krachte es, weil ich gegen eine große Palme lief, deren Topf das Foyer dekorierte und nun von mir angerempelt wurde. „Guckst du blöd, fährst du blöd!“ dachte ich mit plötzlicher Errötung des erhitzten Kopfes, der aber schnell wieder abschwoll, weil niemand Notiz von meinem Auffahrunfall nahm. Der Betrieb lief still, aber achtsam weiter und wirkte allein dadurch schon sehr professionell.
Nun schlenderte ich durch das Haus und versuchte ebenfalls professionell zu sein. Tatsächlich konnte ich auch weitere Unfälle verhindern, aber meine Blicke wußten gar nicht wohin, denn überall entdeckte ich aufgemotzte Schönheiten. Welche ein Taille? Dann dieses runde Heck! Völlig aus der Fassung kickten mich diese frei zur Schau gestellten runden Tüten. Auch ohne häusliche Karambolage pulsierte mein Blut Anbetracht der Freizügigkeit dieser Jungfräulichkeiten. Das läßt keinen Mann unberührt, egal welchen Alters. Plötzlich fühlte ich mich wieder jung und stark, merkte nichts von Magenbeschwerden oder Gliederschmerz, die sich sonst zum Alltag gesellten. Ein schöner Augenblick. Dann hörte ich eine bassige, sonore Stimme: Wir nehmen auch ihr Alte!
Mich durchfuhr ein Blitz. Ich fühlte mich einerseits in meinen Jugendgefühlen ertappt, anderseits überschlugen sich meine Gedanken bei dem Hinweis, dass zu Hause meine Alte wartete. Fragen über Fragen türmten sich auf. Woher weiß dieser gegelte Herr hier im Geschäft, dass ich liiert bin? Wie kommt er darauf, dass ich meine Alte loswerden möchte? Bin ich noch normal? Werde ich jetzt alt? Verliere ich garade meine Bodenhaftung? Verzocke ich gerade Haus, Hof und Ruf? Ich stand regungslos stumm da, aber in mir rasten die Gedanken und Gefühle mit dem Versuch, neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Ich wußte gar nicht, wie mir geschah.
Meine Alte. Das gute Stück. Die treue Seele. Ewige Treue habe ich ihr damals geschworen. Mann, war ich verliebt! Was haben wir nicht alles miteinander erlebt. Die Jahre vergingen und die gemeinsame Strecke führte uns über Berg und Tal durch Sturm und Hitze. Das kann uns keiner mehr nehmen – und das wiederholt sich auch nie wieder. Zugegeben mit den Jahren hat sie sich verändert. Hat Patina angesetzt. Wir harmonieren aber immer noch gut und sind ein super eingespieltes Team.
Als ich nun aus dem Laden schlich und wieder im Auto saß, dachte ich: Was hast Du gemacht? Ich hielt einen Kaufvertrag in meiner Hand! Zur Ablenkung wiederholte ich mantramäßig die Worte des Verkäufers: Der Trend geht klar zum Zweitmotorrad. So fuhr ich heim. Zu Hause angekommen, dauert es nicht lange und ich gestand meiner Liebsten, was geschehen ist. Meine Frau blieb ganz ruhig und sagte nur: Lieber zwei Motorräder und eine Frau als umgekehrt. Habe ich nicht eine weise Frau? Ich liebe sie!
Oktopussy
Es ist Sommer. Ich fahre mit meinem Motorrad an eine rote Ampel. Atmosphäre wie beim Grand Prix von Monaco. Startgerangel inmitten der Stadt. Ich artgerecht auf der linken Spur, das dicke Auto neben mir auf der rechten. Die Bahn vor uns ist frei. Nur das Rotlichtmilieu hemmt uns! Aus dem offnen Fenster ascht der Autopilot seine brennende Zigarette ab. Ich bin erinnert an den legendären Barry Sheene, der auch stets am Start, unmittelbar vor dem Rennen, eine Zigarette rauchte. Sein Integralhelm hatte deswegen ein Loch unter dem Visier. Die Last-Minute-Kippe: sein Markenzeichen! Ich rauche nicht und lebe noch. Das ist der Unterschied. Ansonsten fühle ich mich wie Barry. Gerne würde auch ich so genial und locker das Zweirad beherrschen.
Der Autofahrer lächelt mir freundlich zu. Beugt sich leicht vor und fummelt am Cockpit. Musik ertönt. Sie ist so laut, dass sie locker meinen Auspuff übertönt. Ich schätze knapp 100 Phon. Schmerzgrenze! Dann hebt er noch einen coffee to go in meine Richtung und prostet mir zu. Der Typ ist wirklich locker drauf. Nun bin ich auf sein Startverhalten gespannt? Eigentlich bemitleide ich ihn! Es lacht wunderbare Sommerfrische: warm, aber nicht heiß. Ideale Rennbedingungen und er sitzt in seiner Blechdose. Nur ein kleines offenes Fenster. Keine Spur vom echten Fahrtwind. Das ist doch keine artgerechte Haltung! Ich frage mich, wie kann Gott das zulassen? Außerdem hat er nur zwei Arme, könnte aber acht gebrauchen. „Oktopussy!“ ruf ich ihm ebenfalls freundlich lächelnd zu, aber er versteht nichts.
Warum hat der liebe Gott uns Menschen nicht acht Arme geschenkt? Ohne Probleme könnten wir dann sicher am Verkehr teilnehmen, weil wir stets zwei Hände am Lenkrad hielten. Dazu noch eine Hand für die Zigarette und die andere für den Kaffeebecher. Weiteres Handgemenge im Auto wäre ohne Sicherheitseinbußen möglich, wie zum Beispiel Musikwahl im Radio oder die Neuauswahl der CD. Selbst für die Beifahrerin hätte man noch eine Hand frei und könnte Ihr – ganz Kavalier – beim Suchen behilflich sein und die Handtasche halten. Auch die Wünsche der Kleinen von der Rückbank könnte ein guter Vater sofort erfüllen. Bei alledem wäre immer noch eine Hand frei, um den Aschenbecher in der Konsole zu öffnen, damit ein Mann des 21. Jahrhunderts nicht primitiv die Zigarette aus dem Fenster aschen muss. Ja, Oktopussy müsste man sein!
Die Vorstellung von acht Armen gefällt mir. Auch an den modernen Motorrädern mit einstellbaren teilintegralem (Kurven-)ABS, elektonischen ESA-Fahrwerk, Radio und Griffheizung ist man mit zwei Händen völlig unterversorgt. Aber selbst beim Klassiker auf zwei Rädern scheinen zwei Hände oft nicht genug. Allein die Tatsache, dass ich als Oktopussy nicht mehr mit einer Hand Gasgeben und Bremsen müsste, sondern getrennt voneinander, beides feinfühlig händeln könnte. Auch beim Enduro könnte ich beherzter durch´s Gelände flügen, da zwei Hände stets die Lenkstange gut im Griff hätten. Und sollte mir der Schalthebel wieder einmal die Bolzerei in der Natur krumm nehmen, wäre ohne Probleme gleich eine Hand frei, um die Sache wieder geradezubiegen. Dazu könnte ich mir glatt noch – voll in Fahrt – ein Getränk meiner Wahl mit einer Hand aus dem Rucksack holen. Lieber Gott, ich frage mich: Warum nur zwei Arme?
Lautes Hupen lässt meinen Traum platzen. Neben mir quietschen und qualmen die Reifen. Gerade erwacht, versucht meine aufgescheuchte rudimentäre leibliche Beschaffenheit den Bock zu beschleunigen. Oktopussy fährt vor mir und ist nicht mehr einzuholen. Er schafft die „gelbe Phase“ der nächsten Ampel und gerät außer Sichtweite. Bestimmt genießt er jetzt siegreich einen coffee to race. Ich stehe wieder im Rotlichtmilieu der Stadt, und nur meine Gedanken haben freien Lauf. Warum ist der Mensch, wie er ist? Plötzlich überfällt mich das alte Psalmwort: „Du verstehst mein Gedanken von ferne“ und ich habe das Gefühl einer Götterdämmerung; Gott sieht mich und ruft mir zu: Pass auf, Oktopussy, und versau´ den Start nicht wieder! Dann springt die Ampel um, und ich starte beherzt in die Sommerfrische. Perfekt! Ich lache und rufe laut unter meinem Helm: Platz da, hier kommt Barry Oktopussy Sheene!
Rückblick und Weitblick
„Schöne Bescherung!“, denke ich. Vor einer Woche lag ich noch am heißen Strand der Adria und ließ mir die italienische Sonne unter die norddeutsche Haut gehen und jetzt fängt es an zu schneien. Geht´s noch? Spätsommerurlaubswochen mit dem Motorrad südlich der Alpen klingen immer verführerisch – und waren es auch. Mal richtig „Leinen los“ und die Seele baumeln lassen. Nur das tun, was spontan in den Sinn kommt. Essen, Baden, Biken. Das Leben kann so schön (einfach) sein!
Als Krönung fahren ich mit meinem „motocicletta“ nicht über die Autobahn und durch irgendwelche dunkeln, feuchten oder stickigen Tunnel gen Norden, sondern auf kleinen Straßen; Serpentinen auf und ab. Wozu hat der liebe Gott diese wunderbaren Berge geschaffen? Doch nicht, dass ich unten durch krieche! Außerdem braucht ein Nordlicht Luft, Wind und Weitsicht. Also kraxel ich mit dem Zweirad auf die Höhen, die sich vor mir auftun. Welch eine Ästhetik der Schöpfung. Welch ein Abenteuer für die Benzin verseuchten Kurvengene. Bellisimo.
Mein Töff, wie die Schweizer das Kraftrad nennen, schraubt sich Windung um Windung höher. Es wird kühler und kühler. Oben ist es dann kalt! Zuerst fühlte ich im Tal einen Hauch von Fön. Selbst die Sommermontur, die ich am Leibe trage, war mir zu warm. Im Sommerhandschuh schwitzten die Gliedmaßen, die Kupplung, Bremse und Gas regulieren. Dann fing es an, leicht zu regnen. Welch eine Erfrischung! Die Gedanken kreisen: Soll ich mich jetzt regenfest anziehen oder jage ich weiter auf die kargen Höhen hinauf? Bevor ich mich entscheiden konnte anzuhalten, geht der Regen in Schnee über. Schöne Bescherung! Fahren kann ich flott. Die Entscheidungen über meinen „dress code“ sind allerdings eindeutig zu langsam. Als ich im Gasthof oben auf dem Pass sitze, lege ich mich erst einmal trocken, genieße heißen Kaffee und eine hitzige Suppe. Langsam wird mir wieder warm und ich komme ins Grübeln. Warum habe ich keine dicken Handschuhe mit? Wieso fahre ich eigentlich Motorrad? Was mache ich eigentlich hier oben? Bin ich noch zu retten? Warum bin ich kein Italiener geworden? Bevor der liebe Gott mir eine Antwort schenkt, kommt die Rechnung.
„Die Zeit läuft und im Herbst wird es schneller dunkel als gedacht.“, erinnere ich mich. Die nette Kellnerin scheint meine mentale Krise zu erahnen und erzählt mir, dass oft im Tal Fön ist, wenn sich hier oben der Schnee rumtreibt. Auch wenn das wahrscheinlich nicht ganz wahr ist, sind diese Worte eine kluge pädagogische Taktik für verzweifelte Flachlandbiker in den Bergen und mir eine Motivation. Ich ziehe tatkräftig meine gesamten Sommersachen an, knöpfe mich zu und sattel wieder auf. Meinem Motorrad scheint die kühle Lage egal, sondern springt gleich fröhlich an und rollt über leicht verschneiter, regennasser alpiner Passstraße bergab.
„Von nun ab geht es bergab!“, drängt sich ein Gedanke auf. Das war der Höhepunkt der Reise. Überhaupt ist die Saison vorbei. Was soll noch kommen, wenn ich wieder zu Hause bin? Natürlich hoffe ich auf einen „indian summer“ mit schönen Stunden auf dem Krad, aber mehr als ein Ausflug zwischen 10.00 und 16.00 Uhr ist im Herbst doch im hohen Norden nicht drin. Die anderen Stunden des Tages sind dunkel, nass und kalt. Wie im Tunnel. Da zieht es mich -ehrlich gesagt- mehr an den warmen Ofen, der so schön heimelig im Hause daherknistert. Die meisten Kradkollegen fahren doch maximal bis November. Überall sehe ich Saisonkennzeichen, denn auch das Material leidet unter dem Winter mit Frost, Eis und Streusalz. Mein Wintergespann fahre ich, wenn´s geht, nur noch auf verschneiter oder abgetrockneter Straße.
„War das auch dein `goldener Herbst´?“, fragt mich ein sehr persönlicher Gedanke aufdringlich. „Wie lange willst du noch Motorrad fahren?“ Stunde der Wahrheit: nur ich, mein Motorrad, die Berge und diese Frage! Das Material scheint haltbarer als ich. Wie viele Jahre schaffe ich wohl noch, die Beine über die Bank zu schieben? Wie lange habe ich noch Kraft und Lust, mich Wind und Wetter auszusetzen, um mit offnem Visier auf große Fahrt zu gehen? Wann geht es mit mir bergab und auf die Zielgrade? Ich muss zugeben, dass die besten Zeiten gefahren sind. Wann ist es genug? Herbstliche Gedanken, die zum Fallen der bunten Blätter passen. Bunt sind die vielen Erinnerungen an die beeindruckenden Stunden mit dem knatternden Zweirad. Rauh und faltig ist die Haut geworden. Viel Zeit bleibt nicht. Es wird schneller dunkel im Herbst. Also nicht lange in Erinnerungen schwelgen, sondern rein in die Klamotten und ab auf den Bock. Bekanntlich spielt vorne die Musik!
Plötzlich ist kein Schnee mehr und der Regen hört auch auf. Es wird wieder warm. So wie vorausgesagt. Ich fahre begeistert nach Hause und bin voller guter Dinge. Was für ein Leben! Ich bin begeistert und hoffe, dass noch einige Zeit bleibt für ein paar schöne Fahrten. Das Motorrad ist nicht für die Garage gebaut und ich scheine auch nicht für das heimelige Sofa konstruiert. Ich werde die kalte Jahreszeit nutzen, schöne Touren für die neue Saison zu planen. Die schönen Erinnerungen motivieren zum Weitblick. Der ist wichtig beim Fahren und im Leben.
P.S. Apropos Weitblick! Bald weihnachtet es. Schon alles vorbereitet? Schöne Bescherung.
Wintermärchen
„Dieses Jahr kommt kein Weihnachtsmann.“, sagte mir mein Vater mit ernster Miene im Advent. „Der Weihnachtsmann ist tot.“ Ich war fassungslos, tief berührt und stinkesauer! Wie konnte mein Vater das behaupten? Ich weinte. Das Leben kann so hart sein. Als kleiner Bub konnte und wollte ich den Tod des Weihnachtsmannes nicht akzeptieren: Er war mein Freund! Wie viele Jahre trafen wir uns schon? Immer kam er gut gelaut mit seinem roten Anzug. Echt cool! „Ho, ho, ho“, fragte er dann mit sonorer Stimme, „Warst du denn auch lieb?“ Nach kurzem kritischen Rückblick und in Abwägung meiner selbst nicht zu verantworteten Kindheit konnte ich stets mit einem selbstbewußten „Ja“ antworten. Meist hat das nicht gereicht, sondern ich mußte noch irgendwelche Darbietungen auffahren und so zitierte ich Gedichte, sang Lieder und hatte immer die Haare schön. Das war der Familie sehr wichtig. Damit waren die Kriterien erfüllt und es gab die heiß ersehnten Geschenke.
Der Weihnachtsmann ist tot! Diese Aussage meines Vaters fuhr mir durch mein junges Mark und Bein. Das konnte nicht sein! Also ging ich zum Lehrer meines Vertrauens, um mit ihm diese Behauptung zu besprechen. Mein Physiklehrer konnte mir stets die Welt erklären, war immer sachlich und von bestechender Gelassenheit. Wir Kinder konnten ihn alles fragen. Und nicht nur ich allein hatte Tausende von Fragen.
Der Physiklehrer fragte noch einmal genau nach, wie der Weihnachtsmann ausgesehen hat, und ich beschrieb meinen alten Freund als aktiven Senioren mit weißem Bart, rotem Anzug, der mich ein wenig an einen Bademantel erinnerte, und schweren Stiefeln, wie sie Opa trug, wenn er Motorrad fuhr. Allerdings trug er keinen Helm, sondern nur eine Mütze. Auch so eine coole Brille wie mein Opa hatte der Weihnachtsmann nicht, sondern eher ähnelte er dem Physiklehrer mit seiner kleine Brille, die stets auf der Nase hoch und runter geschoben wurde, je nachdem ob gerade ein Buch gelesen oder in die Menschenmenge geschaut wurde. Nach kurzer Überlegung erklärte mir mein Vertrauenslehrer, dass dieser rote Bademantel wahrlich kein Schutzanzug sei und dass der Weihnachtsmann für einen ganzen Tag im Winter auf dem offenen Schlitten sehr dünn angezogen war. Das leuchtete mir ein, denn auch mir froren schon die Füße nach kurzem Marsch zur Schule, obwohl ich dicke Socken trug. Von den kalten Händen will ich gar nicht berichten – gerade nach irgendwelchen Schneeballschlachten auf dem Schulweg. „Der Weihnachtmann war also definitiv zu dünn angezogen und dem Tode durch Erfrieren ausgesetzt.“, dachte ich! Aber dann erzählte der Physiklehrer meines Vertrauens von der irren Geschwindigkeit, die der Weihnachtsmann drauf gehabt haben muss, denn in 24 Stunden durch die Welt zu fliegen, um alle Kinder zu beschenken (und meist kamen ja noch viele Erwachsene dazu), verursachte eine ungemeine Hitze. „Der große Schlitten, die vielen Geschenke, die Rentiere und der doch stattliche Weihnachtsmann sind nach physikalischen Berechnungen durch erhöhte Lichtgeschwindigkeit verglüht. Ein Fixstern am Weihnachtshimmel.“ resümierte er. Ich war beeindruckt, tief berührt und geschockt! Wie konnte mein Lehrer das alles wissen? Ich weinte.
Der Weihnachtmann war tatsächlich tot. Er kam nicht mehr! Obwohl ich gewaschen und gekämmt vor dem Weihnachtsbaum stand, um aus dem Stand Lieder und Gedichte zu präsentieren, blieb ein weiterer Besuch dieser Kultperson aus. Seitdem ist irgendwie meine Kindheit zu Ende. Aber die Frage blieb: „Ist der Weihnachtsmann erforen oder verglüht?“ Tatsache ist, er kommt nicht mehr. Seitdem feiere ich zu Weihnachten lieber das Christfest. Den Tipp habe ich von der netten feschen Religionslehrerin, die ebenfalls mein Vertrauen gewonnen hatte. Sie sagte: „Jesus hat gelebt, ist gestorben und wieder lebendig geworden. Er lebt in unseren Herzen.“ Ich war beeindruckt, erstaunt und fasziniert! Wie konnte meine Lehrerin das wissen? Ich weinte vor Glück, denn Weihnachten war gerettet – auch Lieder und Gedichte brauchte ich nicht mehr der Familie vortragen. Selbst die Haare müssen für Jesus nicht gekämmt sein.
Guckst du blöd, fährst du blöd!
Nach zweifelhaften Erlebnissen im Gelände fragte ich meinen Trainer Bert von Zitzewitz, was die wichtigste Regel beim Motorradfahren im Gelände ist? Meine Frage war noch nicht ganz gestellt, da stiefelte sein Sohn Davide mit dreckigen Crossschuhen in das Büro des Vaters, hörte meine Frage und gab gleich spontan die Antwort: „Guckst du blöd, fährst du blöd!“. Die Jugend bringt es auf den Punkt, dachte ich. Bert lächelte nur, vergaß allerdings nicht, seinen jungen Spund darauf hinzuweisen, dass es in seinem Büro wie in der Werkstatt sei; schmutzige Stiefeln hätten in beiden Räumen nichts zu suchen! Heute ist der Junge ein erwachsener Kerl, die Stiefel stehen draußen vor der Tür und Davide ist Deutscher Meister.
Beim Sicherheitstraining sollten die Teilnehmer eine Gefahrbremsung einleiten und die Anspannung war ihnen anzumerken. Gerade Fahrer ohne ABS-Unterstützung bekamen feuchte Hände bei der Vorstellung, voll in die Eisen zu gehen. „Wichtig ist, du behältst den Kopf oben und blickst weiterhin nach vorne“, hörte ich den Fahrtrainer sagen: „Guckst du blöd, fährst du blöd – gilt auch beim Bremsen!“ Selbst beim blockierenden Vorderrad rettet der richtige Blick und natürlich das ganz kurze Lösen der Bremse. Die Maschine stoppt, der Schweiß trocknet und die Erkenntnis reift: die richtige Blickführung ist das 1. Gebot des Fahrens.
Nun will ich es aber genau wissen, klebe mir einen Aufkleber mit dem Spruch auf meinen Tank und fahre mein Renn-Gespann auf die Nordschleife. 250 Teilnehmer mit Solo-Motorrädern betrachten mein Dreirad kritisch. „Fahre bitte rechts ran und steh‘ nicht im Weg, wenn wir von hinten kommen“, fordern mich einige junge Talente auf. Kein Respekt vor dem Alter, denke ich, konzentriere mich aber schnell wieder auf die (mentale) Vorbereitung. Nach einem langen Tag in der Grünen Hölle schleichen einige der Racekücken am späten Nachmittag an meiner S1000RR vorbei und lächeln, weil sie meinen aufgeklebten Hinweis „Guckst du blöd, fährst du blöd!“ lesen. Keiner von ihnen hat mich überholen können. Nun wissen sie, dass das 1. Gebot des Motorradfahrens auch für den Gespannbetrieb gilt. Respektvoll tauschen wir unsere Erfahrungen aus.
Letztendlich sind es Lebenserfahrungen, denn oft verhagelt die falsche Blickrichtung auch den Lebensweg. Wer kam nicht schon einmal vom rechten Weg ab und musste das Ziel in weiter Ferne anpeilen, um wieder in die Spur zu kommen. Wohl dem, der schon in früher Kindheit gelernt hat, seine Linie zu halten und nicht mit dreckigen Schuhen ins Haus zu laufen. Auch wenn er nicht Deutscher Meister geworden ist.
Danke, Herr Kaiser!
Herbsttour. Indian summer. Blätterbuntes Deutschland. Mein Kopfkino läuft in farbenfrohen Bildern ab und entführt mich auf eine wunderbare Motorradtour nach Bayern. Dabei halte ich nur eine Einladung nach Niederalteich in Händen. Das nennt man wohl Sehnsucht. Ich sage zu und freue mich auf die Tagung der Bikerseelsorge, zu der viele engagierte Kolleginnen und Kollegen kommen. Treffpunkt ist das Kloster Niederalteich nahe Passau. Da ich reisen statt rasen möchte, wähle ich die KTM 690 Enduro mit TKC 80 Stolle. Sag dem Herbstlaub, dass ich komme!
Es ist Oktober. Ich starte im Regenkombi, da das norddeutsche Wetter nicht meinen Vorstellungen von Indian summer entspricht. „No path, no glory.“, denke ich und fahre dem Zeitpunkt entgegen, an dem das Wetter besser werden soll. Am späten Nachmittag bin ich in Süd-Hessen, um einen Freund zu besuchen. Allerdings wird an diesem Tag meine Hoffnung nicht erfüllt, denn der Regenkombi bleibt meine Tagesbegleitung. Da auch am kommenden Tag mich Mitteldeutschland eher norddeutsch kühl und nass begrüßt, schlüpfe ich wieder in den Regenanzug, was mir schon richtig routiniert gelingt. Übung macht den Meister. Ich bin schon ein echter Regenkombiprofi.
Jetzt will ich es wissen und starte durch. Autobahn. Mit Stolle ist 130 km/h erlaubt. Der kleine Tankrucksack und die Gepäckrolle beunruhigen das Fahrzeug bei dieser Geschwindigkeit nicht. Der Tag ist lang, denn alle 200 km muss ich tanken. Aber immerhin wird es wärmer. Leider bleibt es feucht. Immer wieder Schauer. So komme ich etwas zerzaust mit hübscher Helmfrisur im Kloster an. Typisch Biker. Der Mönch im Gästehaus nimmt es gelassen und empfiehlt mir fürsorglich eine heiße Dusche und den gemütlichen Klosterkeller. Ein gute Empfehlung, wie sich an diesem Abend herausstellt.
Die Tagung ist interessant und die Kolleginnen und Kollegen engagiert. Sie haben allesamt Benzin im Blut und Gott im Herzen. Und es ist trocken, warm und manchmal sogar so sonnig, dass der Biergarten des Klosters Leute lockt, im Freien zu sitzen. So habe ich mir das hier vorgestellt. Interessant ist, dass neben dem katholischen Ritus hier auch der orthodoxe praktiziert wird, bei dem ich mich sofort nach Griechenland versetzt fühle. Im Kopfkino sehe ich das blaue Meer, rieche die wunderbare Natur und bekomme Geschmack auf Ouzo. Kurzurlaub für drei Tage.
Tagsdrauf muss ich wieder gen Norden. Ich verlasse diese Oase, die Donau und die Weinberge. Zum schweren Abschied fängt es noch leicht an zu tröpfeln. Die Franken wollen mir noch ihre Heimat zeigen, die ich nicht Bayern nennen darf. Wir fahren über schöne Straßen durch eine schöne Region und am Nachmittag verabschieden wir uns nach einer Pause. Da es im Norden arg dunkel daherkommt, streife ich den Regenkombi über und setzte auf die Autobahn Richtung Hof. In Thüringen geht dann die Welt unter. Bei Schleiz fahre ich mit den anderen auf der dreispurigen Autobahn 50 km/h. Die kommende Tankstelle wirkt wie ein Oase. Ich tanke, wärme mich auf und frage mich, wohin heute die Reise noch gehen soll, denn es wird dunkel. Bis Halle oder Magdeburg sollte die Kraft noch reichen.
Es ist dunkel, kühl und regnerisch. Super. Da helfen nur warme Gedanken, und ich erfreue mich an der Zuverlässigkeit der Maschine und an den schönen Erinnerungen der Tagung. Mit leicht erhöhtem Tempo donnere ich mit 150 km/h die Enduro über die Autobahn. Artgerechte Haltung ist das nicht – weder für die Maschine noch für mich. Da ich flugs bei Halle bin, nehme ich Magdeburg für heute Abend ins Visier. Wir sind trotz der widrigen Arbeitsbedingungen fleißig am Gas.
Die kommende Raststätte ignoriere ich und fahre auf der A 14 nach Magdeburg. Kaum ist die Tanke passiert, erleuchtet die Reserveleuchte der KTM. Das Autobahnschild signalisiert noch 48 km. Das wird eng und ich pendel mich auf 120 km/h runter. Nach meinen Erfahrungen sollte ich die nächste Tankstelle nutzen. Aber leider kommt keine mehr und die Zitterpartie beginnt. Nach 30 Kilometern ohne Raststätte fahre ich nur noch 100 km/h, um Magdeburg zu erreichen. Die erste Ausfahrt, obwohl sie ziemlich öde nach Industriegebiet aussieht, ist meine.
Plötzlich geht noch auf der Abbiegespur der Motor aus und ich fahre rechts ran. Im Dunkeln schüttel ich den Bock hin und her in der Hoffnung, dass sich noch irgendwo Kraftstoff im Tank versteckt hat. Die KTM springt tatsächlich wieder an und ich fahre die Abfahrt Richtung Finsternis. 100 Meter vor der Kreuzung ist Schluss gerade hinter der Kurve, so dass ich die Enduro rechts in den grünen Graben fahre. Dafür ist sie ja eigentlich gebaut. Meine Gedanken überstürzen sich.
Plötzlich kommt ein Auto und biegt auf die Autobahn. Ich springe aus dem Graben und winke. Die Reifen quietschen, der Mercedes stoppt und das Fenster surrt langsam runter. Ein gepflegter Herr schaut mich freundlich an. Ich schildere kurz meine Not und höre die Aufforderung: „Steig ein, an der nächsten Abfahrt ist eine Tankstelle. Ich fahre dich dorthin.“ Als ich in den noblen Bürgerkäfig steige, werde ich etwas rot vor Scham, denn meine nasse Regenkombi tränkt die Kuhhaut auf dem Beifahrersitz und den Zustand meiner Stiefel muss ich ehrlicherweise nach dem Grabengang als stark matschig beschreiben. Um die Situation kommunikativ zu retten, stelle ich mich freundlich vor und erfahre auch, dass mein Engel „Herr Kaiser“ heißt. Ein Nordlicht aus Geesthacht. Er fährt mich zur Tanke, wartet geduldig und bringt mich wieder zum dunklen Graben zurück, wo meine KTM unberührt im Grünen wartet.
Jetzt fummel ich in der Finsternis einer unbeleuchteten Autobahnauffahrt nahe Magdeburg die Gepäckrolle ab, um den Tankstutzen zu öffnen und gieße den Kanister mit dem schwarzen Gold hinein. Die Enduro springt gleich wieder an und ich verzurre wieder die Gepäckrolle samt Kanister. Dann geht es mit Schwung aus dem Graben. Mensch und Maschine sehen aus, als ob wir gerade von einem Endurotraining kämen. Da Herr Kaiser in Magdeburg arbeitet, empfahl er mir ein Hotel in der Innenstadt, das ich ansteuere. Mir reicht es für heute.
Eine gute halbe Stunde später stehe ich dreckig in einem gut besuchten Hotel und bekomme netterweise ein Zimmer. Die heiße Dusche ist wunderbar. Als ich frische Klamotten aus der Gepäckrolle herausholen möchte, bleiben Textilien am Boden kleben. Irgendwie habe ich im finstern Graben die Tasche an den Auspuff gedrückt und ein Loch ist die Folge. Allerdings ist es gerade verschweißt mit meiner Funktionswäsche. Egal. Ich bin froh, den Tag geschafft zu haben und schlendere gegen 21.00 Uhr in die Hotelbar. Dort erhebe ich mein Glas mit kühlem Bier auf meinen Engel: „Danke, Herr Kaiser!“
P.S. Diese kleine Herbstreise ist der Anlass dafür, dass meine KTM nun einen Zusatztank und ein Koffersystem trägt.
Frühlingsgefühle
Leute, Leute! Selbst mit verbundenen Augen könnte ich sagen, dass der Frühling kommt! Warum? Eine komplett paradoxe Gefühlswelt beherrscht die Szene. Und ich muss gestehen, mich hat es wohl auch erwischt. Wie nach einer langen winterlichen Inkubationszeit bricht jetzt der Virus aus und die Frühlingsgefühle sind nicht mehr zu bändigen. Bin ich krank? Gerade lief ich noch auf der Motorradmesse umher und dachte, ich sei gesund. Outdoor schneite es und ich vergnügte mich mit Kumpels indoor an Motorrädern, Musik und Mädels. Ich dachte, ich hätte alles im Griff. Dann kam die Rechnung für die Krad-Versicherung und ich habe mich riesig darüber gefreut. „Oh Gott“, dachte ich, „jetzt wirst Du aber merkwürdig!“ Diese Rechnung war – gefühlt – ein echter Frühlingsbote und der sichere Hinweis, dass die Saison endlich wieder durchstartet. Mit einem fetten Grinsen überwies ich den geforderten Betrag und war glücklich.
Noch auf der Messe im Benzingespräch mit den Kumpels posaunte ich heraus, dass ich total zufrieden sei mit meinem Hobel. Sollen sich doch die anderen die neuen Dinger oder eine gute Alte kaufen! Mir reicht mein gewohntes Zweirad, dass treu über Winter auf mich gewartet hat und sofort ansprang als es mich sah. Wäre es ein Hund, hätte es noch mit dem Schwanz gewedelt.
Dann sah ich plötzlich die Anzeige im Internet und konnte danach nicht mehr richtig schlafen. „Ich glaube, ich träume.“, dachte ich, aber eine Nacht mit wenig Schlaf war die Realität. Irgendwie wuchs in mir heimlich der Gedanke, dort einmal anzurufen, um ein wenig mehr Informationen zu bekommen. Gesagt, getan. Danach war der Frühling nicht mehr zu halten, denn ich fuhr fort, um das „Traumbike meiner Jugend“ in Augenschein zu nehmen. „Nur mal Gucken“ darf man ja wohl, oder? Als das Gefährt dann allerdings vor mir stand, der Zustand und der Preis unwiderstehlich waren, nahm das ganze Geschehen seinen Lauf. Ich mach es kurz: Gekauft! „Völlig paradox. Du bist nicht ganz bei Sinnen“, schrie meine Vernunft. „Lass sie schreien!“, beruhigte mich mein Gefühl. Damit war klar, die Krankheit hat auch mich erwischt. Der Frühling hat mich voll im Griff.
Ist es nicht paradox, dass ich mich über eine Rechnung freue? Ist es nicht merkwürdig, dass ich mir zuerst sicher bin, meiner Alten treu zu bleiben, und dann erfülle ich mir kurze Zeit später einen Jugendtraum? Sind wir nicht alle ein wenig „unvernünftig“, weil wir lieber bei Wind und Regen auf dem Bock sitzen, während der normale Bürger in einer geheizten Klimakabine durch die Natur rollt? Mir scheint, dass ich nicht der einzige bin, der von diesem Frühlingsvirus gemartert wird. Eine Epidemie? Eine befreundete Ärztin diagnostizierte bei mir „Normalität – mit stark virulentem Frühlingserwachen“. Das befällt zur Zeit besonders die Motorradfahrer, erklärte sie. Ich verließ die Praxis mit der paradoxen Erkenntnis: „Ich bin ganz normal verrückt.“
Leute, Leute! Macht die Augen auf! Der Frühling ist da. Die Freude ist riesengroß. Genieße dein Zwei- oder Dreirad, egal ob alt oder neu. Lass es ruhig angehen, denn die Frühlingsgefühle können ganz schöne Verwirrungen anstiften. Mache dir klar, wie viele Bikes du zum Leben brauchst – am besten auf einen Zettel schreiben und an den Badezimmerspiegel hängen (Selbstsuggestion). Überweise mit Freuden die Versicherung für die Saison und tanke mit Wollust den neuen Kraftstoff. Tipp meiner Ärztin: „Gegen den paradoxen Frühlingsvirus hilft nur die Zeit – und homöopathische Runden mit dem Bock.“ Gute Genesung!
Eine alte Weihnachtsgeschichte aus dem Erzgebirge
Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Ersten Sekretär Honecker ausging, dass alle Genossen geschätzt würden. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Ingenieur Herbert Friedrich noch aktiv war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Walter aus dem Erzgebirge, aus der Ort Pobershau, durch das Arbeiter- und Bauernland nach Zschopau, weil er ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik und ein treuer Genosse war, damit er sich schätzen ließe mit seiner MZ, die war sauschnell. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie langsamer wurde. Und sie gebar hohen Verschleiß und er zerlegte sie auf einem Tisch in einer Garage; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Stadt.
Und es waren Zweiradfahrer in derselben Gegend auf dem Felde bei Hohndorf, die ackerten offroad mit ihren Enduros. Und eine große Hoffnung trat zu ihnen und eine neue Idee leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und die Hoffnung sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute die Zuversicht geboren, welche ist die Zukunft, moderne Motorräder, in der alten Stadt des Dampf-Kraft-Wagens.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden die MZ in einer Garage zerlegt und auf einem Tisch liegen. Und alsbald war da bei der Hoffnung die Menge der antifaschistischen Pioniere, die lobten den Sozialismus und sprachen: Ehre sei Marx, Engels und Lenin! Und Friede auf Erden bei den Menschen ihres Wohlgefallens.
Und als die Hoffnung von ihnen in die dunkle Nacht eilte, sprachen die Enduristen untereinander: Lasst uns nun fahren nach Zschopau und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns moderne Motorräder kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Chefingenieur Kaaden, dazu die MZ auf dem Tisch liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das ihnen von diesem Motorrad gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Enduristen gesagt hatten. Walter Kaaden aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in seinem Herzen. Und die Enduristen kehrten wieder um, priesen und lobten den Sozialismus für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Als die ETS geboren war in Zschopau im Erzgebirge zur Zeit des Stasi-Chefs Mielke, siehe, da kamen Sportsfreunde aus dem Kapitalismus nach Ost-Berlin und sprachen: Wo ist die neugeborene Königin des Zweitakts? Wir haben einen Prototyp gesehen in Westdeutschland und sind gekommen, ihn zu kaufen. Als das Stasi-Chef Mielke hörte, erschrak er und mit ihm der ganze SED-Kader, und er ließ zusammenkommen alle Funktionäre und inoffizielle Mitarbeiter des Politbüros und erforschte, wo ein modernes Motorrad erdacht werden könnte. Und sie sagten ihm: In Zschopau im Erzgebirge; denn so sprach schon Ernst Degner zu Suzuki: „Und Zschopau im Erzgebirge ist keineswegs im Rennsport zu unterschätzen, denn von dort wird kommen der Six-Days-Gewinner, der im Enduro dominieren wird.“ Da rief Mielke die Sportsfreunde heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Prototyp erschienen wäre, und schickte sie nach Zschopau und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Motorrad, und wenn ihr´s findet, so sagt mir´s wieder, dass auch ich komme und es lobe.
Als sie nun den Stasi-Chef gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, die Faszination des Prototyps, der sie schon in Westdeutschland begeistert hatten, ging vor ihnen her, bis sie an dem Ort standen, wo das Motorrad war. Als sie das Licht sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in die Garage und fanden die MZ mit Walter Kaaden, Techniker des Volkes, und fielen nieder und starrten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Reifen, Zündkerzen und Bremsbeläge. Und die Sportsfreunde bekamen im Traum die Idee, nicht wieder zu Mielke zurückzukehren; und sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.
Aus dem MZ-Evangelium, Kap 2.
„Ein Klub, der sich Gemeinschaft nennt“ (Melodie gesungen nach EG 612)
- Ein Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fährt durch Natur und Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes guter Geist.
Der Biker fährt vom Sturz bedroht durch Angst, Not und Gefahr,
Verzweiflung, Hoffnung, Glück und Spaß, so fährt er Jahr um Jahr.
Und immer wieder fragt er sich: Werd’ ich es übersteh’n ?
Komm ich an das geplante Ziel? Werd’ ich nicht überseh’n?
Refrain:
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr,
denn sonst sind wir allein auf der Fahrt im Verkehr. O bleibe bei uns, Herr! - Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, liegt oft im Alltag fest,
weil sich’s mit Arbeit und mit Stress nur überleben lässt.
Man sonnt sich dann im alten Glanz vergangner Herrlichkeit
und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.
Doch wer bequem und sicher lebt, erfährt von Gott nicht viel.
Nur wer den Aufbruch auf sich nimmt, erreicht das neue Ziel.
Refrain - Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, muss eine Mannschaft sein,
sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
Ein jeder fahre defensiv und nehme gern Rücksicht;
wenn er dies Motto nicht erfüllt, gelingt das Ganze nicht.
Und was die Menschen in dem Klub ganz fest zusammenschweißt
in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.
Refrain - Im Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fragt man sich hin und her:
Wie finden wir den sichren Weg zur Fahrt in dem Verkehr?
Der rät wohl dies, der andere das, man redet lang und viel
und kommt kurzsichtig, wie man ist, nur weiter weg vom Ziel.
Doch der, der eine Pause macht, und etwas ruht und schweigt,
bekommt von Gott dann ganz gewiss den rechten Weg gezeigt!
Refrain. - Der Klub, der sich Gemeinschaft nennt, fährt durch Natur und Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes guter Geist.
Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs, auf gleichen Weg gestellt.
Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.
So kommt der Klub nach langer Fahrt mit Gottes Segen heim!
Refrain
Melodie: Martin Schneider 1968
Text: Holger Janke 2001
Glaubensbekenntnis für Biker:
Ich glaube an Gott,
den Vater, den Ewigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
Gottes Sohn, unsern Freund,
beseelt durch den Heiligen Geist,
geboren von seiner Mutter Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
bestattet in einem Grab bei den Toten,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
über den Horizont gefahren;
er sitzt im Himmel Gottes;
von dort wird er kommen,
zu erlösen alles, was lebt oder starb.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die globale christliche Kirche,
Gemeinschaft der Geschöpfe,
Vergebung von Fehlern,
Auferstehung was tot war
und das ewige Leben.
Amen.
Der MOGO ist tot. Es leben die Mogos!
– Ein Nachruf –
Der MOGO war ein „Motorradgottesdienst“ in Hamburg, der Anfang der 1980er klein begonnen hatte, dann auf einzigartige 40.000 Besucher:innen anwuchs, um dann wieder klein zu enden. Am 30.11.2024 wurde der bundesweit bekannte MOGO in Hamburg nach vierzig Jahren eingestellt.
Entstanden ist dieser Gottesdienst durch den Polizeiseelsorger Hinze, der in den wilden Achtzigern eine Brücke zwischen der Polizei und den „Rockern“ auf Zweirädern in der Hansestadt bauen wollte. Ein Projekt des Kennenlernens und des Miteinanders! Es hat gut funktioniert. Als Ende der 1990er Jahre Pastor Hinze sein Amt an Pastor Faehling übergab, hatte der MOGO 10.000 Stammkund:innen, und ein Konvoi von Biker:innen fuhr quer durch Hamburg, um für ein gutes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer:innen zu demonstrieren.
Der neue Pastor gründete mit Ehrenamtlichen einen Verein zur Organisation der kirchlichen Großveranstaltung und die fast 400 Helfer:innen bildeten eine eigene MOGO-Gemeinde. Ein professionelles Büro wurde eingerichtet und das Seelsorge-Projekt Bikers Helpline ging zu der Zeit in Planung: die Blütezeit des MOGO. Anfang des Milleniums kamen 40.000 Biker:innen aus ganz Europa nach Hamburg; die weiteste Anfahrt hatte ein Bikerpastor aus Südafrika. Unterstützt wurde auch das Projekt einer Bikerbibel als christliche Begleitung für unterwegs. Die Städtepartnerschaft mit St. Petersburg blüte und jährlich besuchten uns russische Christ:innen mit den Motorrädern oder wir trafen uns zur gemeinsamen Tour in Russland. Ein sehr großes Netzwerk war entstanden und die Brücke des Kennenlernens und Miteinanders reichte weiter als ehemals gedacht.
2014 hörte Pastor Faehling auf und ein jüngerer, qualifizierter und erfahrener Nachfolger stand am Start. Leider hat die Kirchenleitung diese Besetzung seinerzeit verhindert und allen Beteiligten wurde damals klar, dass der MOGO nicht in der Amtskirche gewollt war. Danach beginnen die Wirren: Die Angestellten im Büro werden entlassen, Hunderte von Helfer:innen verlassen enttäuscht „ihren“ MOGO und auch die Seelsorge-Einrichtung Bikers Helpline macht sich selbständig.
Nach mehreren Vakanzvertretungen wurde Pastor Lemke von der Amtskirche zur Verwaltung des MOGO eingesetzt. Eingeweihte sprachen vom „Nachlassverwalter“, der nun allein im Büro saß und einen neuen Stamm von Helfer:innen sammelte. Derweil nahmen Jahr für Jahr die Besucherzahlen und die Sponsoren rapide ab. Der NDR berichtete am Ende in den Medien von „einigen Hundert“ Besucher:innen. Somit war es nicht überraschend als Pastor Lemke den MOGO verließ. Der letzte MOGO 2024 wurde von einem unbekannten Pastor aus Lübeck begleitet. Das Engagement der Ehrenamtlichen lief abermals ins Leere. Nun ist der MOGO Hamburg tot.
Da der MOGO einzigartig, aber nicht der einzige Motorradgottesdienst war, können alle christlichen Biker:innen hoffen, auch weiterhin segensreiche Mogos erleben zu können. Überall im Land gibt es Motorrad begeisterte Christinnen und Christen, die vor Ort zu tollen, authentischen Treffen einladen. Da Motorradfahren in der Großstadt eh nicht soviel Spaß macht, winkt nun ein beseelter Ausflug ins Grüne, um sich auch in Zukunft inspirieren zu lassen durch nette, engagierte Menschen – und hoffentlich gleichzeitig durch den Frieden stiftenden Geist Gottes. Es leben die Mogos!